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Beitrag zur Behandlung der dramatischen Lektüre : 1. Teil / von Hermann Unbescheid
Entstehung
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Bei den Worten Wallensteins: Rauft mir den Wrangel! erreicht die Höhenpunktsscene ihren Abschluss. Höhenpunkt von Wlst. Td.: Abfall der Kürassiere(III, 13 16). Die wunderbare Wirkung dieser militärischen Scene beruht wiederum auf glücklich zur Geltung kommenden Gegensätzen; draussen das Lager in offener, lauter Empörung, während Wallenstein gerade jetzt seine volle geistige Kraft wieder- gewinnt, ¹¹³ als sei er nunmehr auf dem Gipfel seiner Macht. Welche Klugheit und feine Behandlungsweise entwickelt er alsbald gegenüber den rauhen martialischen, wegen der Vorgünge von Ingrimm erfüllten Pappenheimern, um sie zu gewinnen,¹¹l und welche Arglosigkeit ¹¹⁵ zeigt er gegenüber seinem Verderben, die zur Bewunderung seiner edlen Natur hinreisst und scharf kontrastiert zur Heimtücke seiner Freunde, als auch dieses ihm treueste Regiment abfällt. O grausam spielt das Glüch mit mir! Der Freunde Eifer ist's, der mich zu Grunde richtet, nicht der Hass der Feinde.

M. St. Ein in der Nähe von Fortheringhay stattfindendes grosses Jagen soll Elisabeth wie von ungefähr dahin führen, während die Stuart sich im Park ergeht. Mit äusserster Spannung erwartet der Zuschauer das Zusammentreffen beider Königinnen. Was scheint, um an das erregende Moment hier noch- mals zu erinnern, Mortimers kühner Anschlag gegen eine Unterredung der beiden, die alles viel plötzlicher entscheiden kann; welche Bedeutung hat noch das Todesurteil des Gerichtshofes der Peers(1. Stufe); wie gering erscheint alle Klugheit, Berechnung, politische Weisheit(Staatsratsscene, 2. Stufe); was liegt noch daran, ob Mortimer mit Leicester sich verbindet, oder ob der mächtige Lord wie ein Feigling handeln wird (3. Stufe, Unterredung beider); wie ohnmächtig erscheint endlich selbst alle Intrigue und Hinterlist(Verlockung Elisabeths, 4. Stufe), wenn jetzt die Seele Elisabeths durch den Anblick des Elends der unglücklichen, durch die Bande des Blutes ihr verbundenen Königin plötzlich doch mit Rührung und Mitleid erfüllt wird? Ein schönes Stimmungsbild(die gehobene lyrische Stimmung) leitet auch hier noch besonders die Hauptscene ein: im schnellen Lauf(III, 1), als ob sie Flügel hätte, eilt Maria Kennedy voraus; nach jahrelangem Kerkerelend sieht sie sich zum ersten Male wieder in der freien Gottesnatur, im Park zu Fortheringhay ¹¹6. Im süssen Gefühl der Freiheit schwärmt sie: Lass mich der neuen Freiheit geniessen bis himmlische Luft. Aber nicht bloss durch diese poesievolle Scene wird der Eintritt des Höhenpunktes vorbereitet; der Dichter kündigt auch zuvor das Nahen ¹¹¹ der englischen Königin durch Sir Paulet(III, 2) und durch Talbot(III, 3) an: der Schrecken, der sich der Stuart bemächtigt, so unvorbereitet der gehassten Gegnerin gegenüber zu treten, Talbots ermahnende Worte, jetzt nicht auf das Recht au trotzen und die Bitter- Keit des Herzens zu vergessen, das Schallen der Hifthörner endlich spannen aufs höchste die Erwartung und zeigen recht deutlich gerade an diesem Drama, wie die Spitze mit allen Mitteln dichterischer Kunst heraus- getrieben zu werden pflegt. Der Höhenpunkt(III, 4) selbst tritt ein, als sich beide Königinnen gegenüber treten, und die Höhenpunktsscene dauert etwa solange, bis die Unterredung jene verhängnisvolle Wendung zu nehmen beginnt. Atemlos verfolgt der Zuschauer das Gespräch beider: von Külte des Herzens zeugen die Reden Elisabeths, Rührung und tiefe Bewegung verraten die Worte Marias; allen Ansprüchen entsagt sie, nichts erfleht sie als ihre Freiheit. Aber noch spricht Elisabeth das Wort nicht aus, das nach der Gefangenen Meinung doch jetzt ausgesprochen werden muss; da fleht Maria: Thr habt das Ausserste an mir gethan, habt mich zerstört in meiner Blüte? Jetzt macht ein Ende, Schawester! Sprecht es aus, das Wort

113) D. Wäst. 19. III, 13, 274 flg. Auftritt 11 und 12 konnten sehr wohl wegbleiben, und bei der herrschenden Verwirrung wäre es nicht gar bedenklich, würde auch kaum dem Zuschauer und Leser auffallen, wenn die Pappen- heimer im Saale der Herzogin erschienen; Max würde hier viel passender Thekla suchen, als in Wallensteins grossem Saale. Wir hätten dann auch den Vorteil, dass die Rede, womit Wallenstein den zehnten Auftritt schliesst, unser Selbstgespräch unnötig machte. An die kräftigen Worte:Nacht muss es sein, wo Friedlands Sterne strahlenu könnte sich unmittelbar unsere Mahnung an IIlo und Terzky anschliessen:Mut, Freunde, Mut!« Wallenstein erschien nicht auf dem Reichstage zu Regensburg, sondern erfuhr seine Entlassung im Hauptquartier zu Memmingen.

114) D. Wst. Td. III, 15, 278. Wenn Wallenstein, als der Gefreite die Sache verbürgen will, noch einen dritten Kürassier anspricht, so dürfte dies doch zu sehr zeigen, dass er sich bei den Abgesandten beliebt machen will,

115) D. Wäst. Td. III, 16, 279 meint, es wirke peinlich auf den Zuschauer, dass Buttler Wallenstein so arg- los seinem Verderben gegenüber sieht.

116) D. M. St. 161. Dort legt ein Fischer den Nachen an. Den Fluss nimmt Schiller ohne weiteres an, wenn man nicht an das Meer denken will, das Maria hier nicht sehen kann.

117) D. M. St. 99, 162. Maria erfährt von Paulet, dass ihr Brief an Elisabeth ihr nicht ploss die freie Be- wegung im Park verschafft, sondern diese selbst bald zur verlangten Unterredung bei ihr erscheinen werde und eben in der Nähe jage. Das steht freilich in entschiedenem Widerspruche nicht allein mit dem Schlusse des vorigen Auf- zugs, wonach FElisabeth ganz von ungefähr erscheinen soll, sondern auch mit dem vierten Auftritt, da die Königin sich dort stellt, als ob sie nicht wisse, dass man sie nach Fortheringhay gebracht etc.