Der Höhenpunkt. in F.(Monolog: Ehrgeiz und Herrschsucht bewirken in F. den Entschluss des Verrats an der Republik III, 2) ist in auffallender Weise verrückt. Soeben hatte nämlich Fiesko(4. Stufe der Steigerung) erklärt, seine ehrgeizigen Gelüste der Freiheit Genuas zu opfern(II, 19, s. p. 21): der Zweifel Verrinas an Fieskos Republikanismus(II, 18, Verrina in Nachdenken versunken) und der Entschluss, ihn zu töten(III, 1) konnte jetzt nicht folgen, da Verrinas Benehmen auf diese Weise unverständlich bleibt; erst musste in Fiesko die Sinnesänderung vorgehen, durch die Verschwörung Herzog von Genua zu werden. Erst nach Uberschreitung des Höhenpunktes ist mithin der Plan des starren Republikaners genügend moti- viert. Es ist wahrscheinlich, dass der Dichter das Bedürfnis fühlte, zwischen dem siegreichen Kampf des Helden— Geh unter Tyrann! Sei frei Genua, und ich dein glücklichster Bürger—(II, 19) und dem Unterliegen desselben— Der monarchische Laut wird den ewigen Himmel bewegen! Ich bin entschlossen/— (III, 2), besonders da diese Sinnesänderung doch nur wieder in einem Monolog ausgeführt werden konnte, Raum und Zeit zu schaffen. Da beides bloss durch Aktschluss nicht zu erreichen war, so verfiel er auf den Gedanken, eine Scene einzulegen, die aber vielleicht am besten der Nebenhandlung entnommen werden konnte, keinesfalls aber Verrinas Mordgedanken Ausdruck geben durfte. Abgesehen hiervon ist die Stelle durch das wunderbare Zusammenstimmen von Zeit und Begebenheit von kräftiger Wirkung und hoher dichterischer Schönheit. Der Morgen komamt feurig dus der See, wilde Phantasien haben den ehrgeizigen, herrschsüchtigen Mann vom Lager getrieben. Stadt und Meer liegt vor ihm vom Morgenrot überflammt, und bei diesem An- blick erwacht in ihm das stolze Bewusstsein, dass er der grösste Mann im ganzen Genua ist. Wie ver- lockend muss der Gedanke sein, dieser majestütischen Stadt zu gebieten! Wie begreiflich ist es, wenn jetzt die Leidenschaft der Herrschbegierde über ihn den Sieg behält!
D. C. Im Gegensatz zu den übrigen Stücken Schillers ist in D. C. diese wichtige Stelle nur schwach ausgefallen. Dass der Plan des Marquis auf die unbedingteste, jede Spur von Misstrauen ausschliessende Freundschaft des Infanten gegründet ist, wurde früher(p. 23) erwühnt. In dem Augenblicke, wo Posa, ohne den Freund nur im geringsten über sein geheimnisvolles, auffälliges Benehmen Aufschluss zu geben, die Briefschaften abfordert, wird an diese bedingungsloseste Hingabe, die freilich einem Sichfügen in eine arge Bevormundung ähnlich sieht, die höchste Anforderung gestellt. Wird Carlos die letztere erfüllen und so den Plan des Freundes, dessen Gelingen von der Erfüllung jener Bedingung ja abhängig gedacht. werden muss, verwirklichen helfen? Die(erste) Warnung Lermas(IV, 4) ¹¹0 bildet die Überleitung zu dem Höhenpunkt, insofern dadurch die Spannung des Zuhörers auf den Ausgang der Unterredung zwischen Posa und dem gewarnten Freunde erhöht wird. Die durch die erstaunliche Sächerheit des Marquis hervor- gerufene und sich fortgesetzt steigernde, tiefe Bewegung des Infanten— Foderich, ich gab dir viel— lässt sofort die Tragweite dieser Unterredung auf den Fortgang der Handlung empfinden. Wenn(arlos nämlich jetzt von der Untreue des Freundes überzeugt wird, so muss seine leidenschaftliche Erregung dadurch so hoch gesteigert werden, dass sie allein ein Missglücken des ganzen Planes zu bewirken im stande ist(IV, 5).1¹1¹
Wlst. Höhenpunkt der Picc.(III, 5, 6): Liebesscene zwischen Max und Thekla. Hier deuten die tiefen Schatten, die über dieses erste Beisammensein der Liebenden sich breiten, vortrefflich auf den traurigen Ausgang. Selbst der in seiner Liebe ganz befangene, für alle äusseren Vorgänge offenbar teilnahmlose Max kann das Gefühl der Bangigkeit nicht unterdrücken, so dass er ausruft: O, wwerden wir duch jemals glüclelich werden! während Theklas Herz schon mit Ahnungen einer dunklen Zukunft erfüllt und bestrebt ist, den Ge- liebten zu trösten: der Vater sei nur zu beschäftigt, um an ihr Glück denken zu können. Aber auch die Mahnung Theklas, sich nur auf ihr Herz zu verlassen, vermag dem Hörer nicht, so sehr sie Zeugnis innigster, opferbereiter Liebe ist, die Furcht zu verscheuchen, dass auch das Glück der Liebenden dem Ehrgeiz und der Intrigue zum Opfer fallen wird, dass der Bund, den jetzt ihre jungen Herzen schliessen, der gewaltsamen Auflösung durch ein herannahendes, verhüngnisvolles Geschick preisgegeben ist. Vortrefflich stimmt dann hierzu die tiefe Bewegung Maxens beim Abschied von Thekla, als er zum Bankett eilen will. Das Wort der erscheinen- den intriguanten Gräfin Terzky: Trennt euch!— an dieser Stelle ist die Höhenpunktsscene überschritten— erfüllt bereits mit dem Vorgefühl ewigen Scheidens. Auch durch die Situation wird der letztere trefflich herausgehoben; während Max und Thekla die Gefühle reiner Liebe austauschen, findet das Bankett statt,
110) D. D. C. 238. Der Dichter macht Lerma zu einem neugierigen Lauscher.
111) D. D. C. 119 flg. Warum soll der Prinz die Briefe der Königin gerade in seiner Brieftasche getragen haben? Was kann Posa im Grunde mit dieser erreichen?— Der Marquis denkt gar nicht an die Möglichkeit, dass seine Gunst den Prinzen auf falsche Gedanken bringen und ihn zu gefährlichen Schritten führen werde.— 8. auch 239 flg.


