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Beitrag zur Behandlung der dramatischen Lektüre : 1. Teil / von Hermann Unbescheid
Entstehung
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kann, gewinnt er wieder die alte Spannkraft, und feierlich wiederholt er den Schwur(Moor: Bei den Ge- beinen meines Roller/ Ich will euch niemals verlassen). Dennoch ist er jetzt, eben durch diesen Seelenkampf, ein anderer geworden: er hat die Tiefe des Abgrunds erkannt, der ihn und die Seinen von der Menschheit trennt, so dass er den jungen Kosinsky von seinem Vorhaben, in den Bund zu treten, abzuhalten versucht (Moor: Noch einmal, mein Sohn! wenn dir noch ein Funken von Hoffnung irgend anderswo glimmt, so ver- lass diesen schrecklichen Bund—). Nur der furchtbare Irrtum, dass die Vorsehung bei seinem entsetzlichen Wirken die Hand im Spiele hat, ist noch nicht von ihm gewichen, und unheilvoller denn je wird dieser Irrtum sich äussern, wenn die nunmehr umdüsterte Seele des Helden neues Feuer entfacht. Wie ein zündender Blitz wirkt daher Kosinskys Erzählung; Moor liebt Amalie und will sie sehen. In diesem sanften, weh- mutsvollen Akkord, der aber zugleich neue Stürme des Dramas einleitet, klingt die grosse, bewegte Scene, die in bedeutend tragischer Wirkung den Seelenzustand des Helden malt, wunderbar aus(III, 2).— Auch der Höhenpunkt für die äussere Handlung, Karl Moor im vüäterlichen Schlosse, seine Begegnung mit Amalien ist kräftig entwickelt. IV, 1 bildet die stimmungsvolle Einleitung: ländliche Gegend und das Moorische Schloss; Entsendung Kosinskys, Begrüssung der Heimat— er küsst die Erde— und Er- innerung an die goldenen Maienjahre der Knabenzeit, dann wiederum der schroffe Gegensatz zwischen einst und jetzt, der ihn auch hier berührt und ihn zwingen will, schnell den Vaterlandsthälern wieder den Rücken zu kehren, bis er versunken in den Anblick des väterlichen Schlosses den Entschluss fasst, den Vater und

Amalien wieder zu sehen— Amalia, Vater! dein Karl naht— und zuletzt der Todesschauer und die Sehreckenahnung eines ihm infolge dieses Wiedersehens harrenden Unglücks, als er bereits an der Pforte steht— alles dies bereitet äusserst wirksam den Höhenpunkt, die Galeriescene(IV, 2) vor. Der

Gast hat den Wunsch geäussert, dass ihm die Portraits der Familie gezeigt werden; Amalie fragt ihn, ob er sich wohl getraue, das Bild des alten Moor herauszufinden. Hierdurch wird der Zuschauer sofort in jene atemlose Spannung versetzt, die so recht als der charakteristische Zustand desselben während dieses Teils des Dramas angesehen werden kann. Er ahnt, als die Rede vom Portrait des Vaters ist, dass sich dieselbe auch auf das Bild Karls lenken kann, bis die wiederholt eindringliche Frage des Gastes: Aber das Bild rechter Hand? und Amaliens ausbrechender Schmerz seine Ahnung bestätigen. Nach den Worten: Da weinst, Amalie? die Karl im plötzlichen Selbstvergessen ausspricht, ist der Höhenpunkt der Handlung überschritten.

In K. u. L. umfasst diese Stelle des Dramas die drei letzten Scenen, also die ganze Hälfte des III. Aktes, doch so, dass die sechste Scene die Hauptscene, die fünfte ein Übergangsglied von der vierten bildet.— Die Scenengruppe des Höhenpunktes besteht demnach aus: 1. Ferdinands eifersüchtige Haltung(III, 4). Diese Scene enthält folgende Momente: a) die Mitteilung des Fluchtplans, b) Luisens Weigerung, c) Ferdinands Verdacht und Drohung. Als treffendes Beispiel, bis zu welcher fast an das Phaniastische grenzenden Steigerung die ohnedies durch Glanz ausgezeichnete Sprache des Dichters am Höhenpunkte sich erhebt, können die Worte gelten, mit denen er Luisen das ihnen wartende Glück aus- zumalen versucht, wenn erst seine Liebe den Riesensprung gewagt habe. Wird dieses Auge nicht eben so schmelzend funkeln, ob es im Rhein oder in der Elbe sich spiegelt, oder im baltischen Meer? bis— ein Lächeln meiner Luise ist Stoff fir Jahrhunderte, und der Traum des Lebens ist aus, bis ich diese Thräne ergründe.— 2. ein Ubergangsglied: Luisens Besorgnis um die Eltern(III, 5); 3. die Hauptscene; Abfassung des Briefes(III, 6). Der vom Zuschauer sofort als Wendepunkt des Ganzen empfundene Augenblick, wo Luise den Brief schreibt, wird selbst wiederum, wie er als folgenwichtiges Ergebnis der Steigerung des Dramas entgegentritt, als das Resultat dargestellt, das nur durch den unmittelbar vorausgehenden Kampf in der Seele des Mädchens verständlich ist; zugleich aber erscheint in diesem Momente die Intrigue in ihrer ganzen feigen Bosheit und als eine das bestehende Liebesverhältnis vernichtende Macht. Deshalb müssen auch die Scene mit Ferdinand(III, 4), Luisens Entsagung, und das UÜbergangsglied(III, 5), Luisens Besorgnis, als die ersten Stufen dieses Kampfes angesehen werden, denen sich die höchste Steigerung, die das endliche Erliegen der Heldin begreiflich macht, in der Scene mit Wurm anschliesst.— Wurm ver- steht es, das Feuer erst langsam bedächtig an den knirschenden Gelenken hinaufeufüihren und das zuckende Herz mit dem Streich der Erbarmung zu nechen. Mit der UÜbergabe des Briefes und dem Versprechen Luisens, das Salerament darauf zu nehmen, diesen Brief für einen freiwilligen zu erkennen, ist der Höhenpunkt über- schritten; aber die scharfe Entwickelung desselben, dieses Zermartern der Seele Luisens, erforderte einen kräftigen, einigermassen versöhnenden Abschluss: die schreckliche Drohung, mit der sie die Brautwerbung desselben zurückweist: weil ich dich in der Brautnacht erdrosselte, und mich dann mit Wollust dufs Rad flechten liesse.