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Beitrag zur Behandlung der dramatischen Lektüre : 1. Teil / von Hermann Unbescheid
Entstehung
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dass er nur durch Trennung von der Sache der Schweizer in den Besitz der anscheinend ¹⁰°³ auf der Seite des Feindes stehenden Geliebten gelangen kann. Der Wendepunkt der Handlung muss dort liegen, wo zwischen beiden eine Erklärung stattfindet, nach welcher Bertha den Besitz ihrer Hand geradezu abhäüngig von der Treue Rudenz' gegen das Vaterland macht, sodass dieser selbst seinen Irrtum erkennt und, hin- gerissen von der Sprache der Liebe, zu bereuen anfüngt. Um jene Läuterung der Gesinnung(Höhenpunkt) herbeizuführen, muss derjenige Teil(Bertha), der in der Treue gegen das Vaterland zugleich die Bürg- schaft für die entgegengebrachte Liebe und die Bedingung zu ihrer rückhaltlosen Erwiderung erblickt, gegen den anderen Teil(Rudenz) den Vorwurf der Untreue gegen das Vaterland erheben, d. h. ihm die Augen über seine Verblendung öffnen. Daher Steigerung für die Attgh.: Bertha erhebt den Vorwurf der Treu- losigkeit gegen Rudenz(III, 2). Uberleitung zum Höhenpunkt bilden die Worte: Aber den verachlet sehen und verachtungswert, den man gern lieben möchte.

Höhenpunkt.

In dem Heraustreiben des Höhenpunktes ¹⁰⁹% zeigt Schiller unbestritten die grösste Meisterschaft: niemand vermag wie er durch die vom feinsten Kunstsinn eingegebene, von seinen Nachahmern niemals erreichte Anwendung von dramatischen Details diese wichtige Stelle des Dramas so glänzend herauszuheben. Alles, Ort, Zeit und die die Hauptscene begleitenden, scheinbar nebensächlichen oder zufälligen Umstände stimmen bei ihm so vortrefflich zusammen, dass die denkbar höchste Wirkung echter Kunst erzielt wird; ja, der gewaltige Eindruck, den die dramatische Muse Schillers stets zu machen pflegt, beruht zum nicht geringen Teil auf dieser souveränen Behandlungsweise des Höhenpunktes, von deren Zauberbann das Empfinden des Zuschauers bis zum Schlusse des Stückes sich nicht wieder zu lösen vermag. Freilich die Schiller eigen- tümliche Sprache, die auch, wo sie das Schreckliche und Düstere zum Ausdruck bringt, immer noch, um bildlich zu reden, von Goldfäden durchwirkt ist, kommt gerade an diesem Punkte, der den Glanz liebt, dem dramatischen Dichter wu=nderbar zu statten. Schon in den F. zeigt sich diese geniale Kraft des Dichters; wie glücklich sind alle Mittel gewählt, um den Zuschauer für die eingetretene Seelenumdüsterung des Helden(innerer Höhenpunkt) zu stimmen! Gerade in dem Augenblicke, wo er erschöpft zusammen- sinkt und nach einem Trunk Wasser lechzt, wird ihm, dessen Weg durch Vernichtung und Tod gekenn- zeichnet ist, der Anblick der ewigschaffenden, segenspendenden Natur(Moor: Seht doch, wie schön das Ge- kreide steht/ Die Büume brechen fast unter ihrem Segen.— Der Weinstock voll Hoffnung!). Gerade jetat, wo sein Herz der Verzweiflung verfällt, liegt vor ihm ein Bild des Friedens von ergreifender Schönheit (Schwarz: Wie herrlich die Sonne dort untergeht/— Moor[in den Anblick versenkt]: So stirbt ein Held/— Anbetungswürdig!). Der Anblick des Abendrotes des scheidenden Tages weckt in seiner Brust die Erinnerung an das Morgenrot seines Lebens(Moor: Es war eine Zeit, wo ich nicht schlafen konnte, wenn ich mein Nachigebet vergessen hatte—). Aber gerade dadurch wird der Gegensatz zwischen einst und jetzt um so schrecklicher fühlbar(Moor: und ich ein Ungeheuer auf dieser Erde!). Wie um ihn, so wird es auch in ihm Nacht; aber während draussen mit der Finsternis die Ruhe einkehrt, foltern furchtbare Qualen seine Seele. Doch er erliegt ihnen nicht; in dem Schmerz um den Getreuen, dem er nur eine Thräne weinen

108) D. Tl. 203. Dieselbe Ländergier, die eure Freiheit verschlingen will, sie drohet auch der meinen!— Das ist eine für den Dichter sehr pequeme Voraussetzung, obgleich man denken sollte, das hätte auch Rudenz gewusst und in Rechnung bringen müssen.

109) G. F. a. o. O. p. 111.„Der Höhenpunkt des Dramas ist die Stelle des Stückes, in welcher das Resultat des aufsteigenden Kampfes stark und entschieden heraustritt; er ist fast immer die Spitze einer gross ausgeführten Scene, an welche sich die kleineren Verbindungsscenen von der Steigerung und der fallenden Handlung heranlegen. Allen Glanz der Poesie, alle dramatische Kraft wird der Dichter anzuwenden haben, um diesen Mittelpunkt seines Kunstwerkes lebendig herauszuheben. Die höchste Bedeutung hat er freilich nur in den Stücken, in denen der Held die aufsteigende Handlung durch seine inneren Prozesse treibt; bei den Dramen, welche durch das Gegenspiel steigen, bezeichnet er die allerdings wichtige Stelle, wo dies Spiel den Haupthelden gefangen und in die Richtung des Falles verlockt hat“. p. 112.„Dies Herausbrechen der That aus der Seele des Helden oder das Einströmen der verhängnis- vollen Eindrücke in dieselbe, das erste grosse Resultat des hochgesteigerten Kampfes oder der Beginn des tödlichen, inneren Konfliktes, muss in fester Verbindung sowohl mit dem Vorhergehenden als dem Folgenden erscheinen, aber es wird in der Regel in seiner Entwicklung aus der Steigerung und in seiner Wirkung auf die Umgebung dargestellt werden; deshalb bildet die Hauptscene des Höhenpunktes gern den Mittelpunkt einer Gruppe von Momenten, welche nach beiden Seiten anschliessend auf- und abwärts laufen.“ p. 112.„Dagegen ist er(der Höhenpunkt) bei Schiller wieder in allen Stücken kräftig entwickelt.“(Vom D. C. freilich dürfte diese letztere Behauptung sich kaum rechtfertigen lassen, s. p. 34.)