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Beitrag zur Behandlung der dramatischen Lektüre : 1. Teil / von Hermann Unbescheid
Entstehung
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eine andere ist es kaum möglich. In der Abfassung des Briefes(III, 6) ist daher der Höhenpunkt zu suchen. Luise schreibt, ohne den Schurkenstreich zu durchschauen, auf Wurms Drängen, und um den Vater zu retten, an den Hofmarschall Kalb, dass sie ihn liebe.

Die Leidenschaftlichkeit, die Ferdinands, die Resignation und Geduld, die Luisens Liebe kenn- zeichnen, lassen ohnedies das Verhängnisvolle dieses Moments für den Fortgang der Handlung erkennen. Es kann wenigstens dadurch die Eifersucht Ferdinands zur Überzeugung werden und sich zum Verderben beider gegen die Geliebte richten; aber die Möglichkeit ist dennoch jetzt nicht ausgeschlossen, dass die Liebe, die bisher alle Hindernisse zu besiegen wusste, diese härteste Probe besteht, dio Intrigue durchschaut und die Gegner energisch zu Boden wirft. Dass aber jetzt Reaktion eintreten muss, dass insbesondere Ferdinand, der bisher nur angegriffen wurde, nach der einen oder andern Seite nunmehr sich erheben und die Führung der Handlung übernehmen muss, scheint unausbleiblich. An diesem Wendepunkt fühlt sich der Zuschauer angekommen. Bis zu dieser Stelle, d. h. bis zum Inkrafttreten dieser stärksten Kabale, hat die Handlung die übrigen Mittel, die der Präsident und die Intriguanten anwenden, um das Verhältnis der Liebenden zu vernichten, in immer sich steigerndem Grade vorzuführen. Diese von dem Gegenspiel angewendeten Mittel sind: 1. die Autorität des Vaters, 2. die Macht des Präsidenten, 3. die Schur- kerei, die eben diesen Führer des Gegenspiels als Menschen charakterisiert. Doch ist zu be- achten, dass der schurkische Sinn, der sowohl den Vater als auch den Präsidenten kennzeichnet, bereits in der ersten Stufe, hauptsächlich durch die Vorscene, dargestellt wird: der Vater lässt durch Hof marschall Kalb, um Ferdinands etwaigen Widerstand durch die vollendete Thatsache von vornherein, wie er glaubt, aussichtslos zu machen, die Verlobung proklamieren; ferner durch das Finale der Hauptscene der zweiten Stufe: der Präsident will Luise in Haft nehmen, Ferdinands Drohung, der Residenz zu erzählen, wie man Präsident wird. Aber zum eigentlichen Nerv der Handlung wird die Schurkerei doch erst von dem Augenblicke an, wo der Plan mit dem Briefe gefasst wird. Nach dem erregenden Momente ⁶⁴ Bericht Wurms an den Vater(1, 5), folgt demnach als 1. Stufe das Eingreifen des Vaters. Sie besteht aus Vorscene: er befiehlt die Verlobung mit der Milfort bekannt zu machen(I, 6); Hauptscene: Ferdinand wird gezwungen, die Milfort zu besuchen(I, 7). Das Finale dieser Scene, Ferdinands Entschluss, die Lady zu sprechen, um ihr seine Verachtung zu zeigen, rief zwischen der 1. und 2. Stufe die Einfügung einer Nebenstufe hervor: Ferdinands Begegnung mit der Milfort(II, 2, 3). Gegliedert ist dieselbe inzwei Vorscenen und eine Hauptscene; 1. Vorscene: Lady Milfort gesteht Sophien, dass die Verbindung mit Major Walter das Werk ihrer Liebe sei(II, 1); 2. Vorscene: Lady Milfort weist den übersendeten fürstlichen Schmuck zurück(II, 2); Hauptscene: Ferdinand und die Milfort(II, 3), in drei Momenten: a) Ferdinand weist die Hand der Milfort zurück; b) die Lady rührt durch die Erzühlung ihres Unglücks Ferdinand, und dieser gesteht seine Liebe zu Luisen; c) die Milfort besteht dennoch auf ihrer Verbindung mit dem Major. Für den Fortschritt der Handlung ist höchstens das dritte Moment wichtig; die Antwort der Milfort auf die Frage Ferdinands, ob sie von m etwas wolle: Nichts, Herr von Walter/ Nichts als dass Sie sich und mich und noch eine Dritte zu Grunde richten! erregt wenigstens Spannung auf das Folgende. 2. Stufe: der Präsident versucht Gewalt. Das Eindringen in das Haus der Geliebten seines Sohnes, die Aufgeregtheit der Eheleute, besonders Millers, die Bestürzung Luisens und die allgemeine Furcht, der sich selbst Ferdinand bei dem bevorstehenden Besuch nicht entziehen kann, das wechselsweise furchtsame und respektwidrige Benehmen des charakterfesten Alten, der seinem dovotesten Kompliment gleich die Drohung anfügt, den ungehobelten Gast zur Thüre hinaus zu werfen, das Auftreten der Gerichtsdiener wührend der Anwesenheit des Präsidenten charakterisieren den Gewaltakt vortrefflich. Auch diese Stufe besteht auszwei Vorscenen und einer Hauptscene. 1. Vorscene: Miller will zum Präsi- denten, um durch eine Rücksprache die Gefahr abzuwenden(er hat gehört, dass Leute des Präsidenten nach km fragen II, 4). 2. Vorscene: Ferdinand erscheint, um die Geliebte vor einem Überfall zu schützen(II, 5) Hauptscene: der Präsident will Luise verhaften, Ferdinand widersetzt sich (II, 6, 7). Durch das Finale dieser Scene, Ferdinands Drohung, der Residenz zu erzählen, wie man Präsident wird, ist auch dieses Mittel, Anwendung von Gewalt, fehlgeschlagen, und es bleibt nur noch die Schurkerei übrig. Den vüterlichen Gehorzamn konnte Ferdinand verweigern und gegen die Autorität des

69) G. F. a. o. O. p. 110 giebt von K. u. L. eine Entwickelung des Stückes bis zum Höhenpunkte kurz an. Hier ist von derselben meſtlſach und zwar auch insofern abgewichen, als sowohl die der Umkehr angehörige Begeg- nung Luisens mit der Milfort, ebenso wie die obengenannte Ferdinands nur als Nebenstufen aufgefasst werden, die also nicht unbedingt der Steigerung und Umkehr der eigentlichen Handlung notwendig waren.

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