Gebote stehenden Mitteln die Günstlinge ihrer Feindin zu gewinnen weiss. Aber ebenso wenig wie Fiesko aus den obenangeführten Gründen, steigt M. St. im Spiele. Denn die in der Expositionsscene(I, 4) geschilderte unglückliche, düstrer Schwermut sich hingebende Heldin wird erst durch das gegen sie ein- geleitete Prozessverfahren des englischen Hofes aus ihrer Passivität zu einer ihr verhängnisvollen, leiden- schaftlichen Handlung, wie sie sich im Streite mit Elisabeth abspielt, getrieben.— In der B. v. M. ist Don Cesar in der ersten Hälfte nur der versöhnte Bruder und leidenschaftlich liebende Bräutigam; erst nachdem er Beatrice in Don Manuels Armen erblickt hat, also nach dem Höhenpunkte(III, 4), wird die tödliche Eifersucht wach, die ihn zur Ermordung des Bruders treibt, und ebenso wird in ihm, indem er den Zusammenhang der Begebenheiten erkennt, die Überzeugung hervorgerufen, dass der verhängnisvolle Fluch in Erfüllung gehen muss, so dass er sich selbst tötet.— T'l. Tell ist durch Gesslers Verhalten als der aus seinem Frieden geschreckte, in seinem Familienglück und Leben bedrohte Mann geschildert, und ebenso die Schweizer als das durch habsburgische Habsucht und durch die Gewaltthätigkeit der Vögte in seiner Freiheit arg bedrängte Volk; aber die zweite Hälfte des Stückes fällt im Spiel: Selbsthilfe Tells und der Schweizer, Tod Gesslers, Vertreibung der Landvögte etc.
Die andere Konstruktion zeigt Wist. und die J. v. O. Wlst. Der Feldherr, umgeben von seinen Getreuen, erregt durch sein ehrgeiziges Streben, das ihn bis zum Verrat an dem Kaiser treibt(zweiter Höhenpunkt des Doppeldramas), die feindlichen Gewalten: Octavios Intrigue, Abfall des Heeres, Lösung des Max Piccolomini von Wallenstein, endlich die verhängnisvolle That Buttlers.— J. v. O. Krüftig hebt sich die Steigerung durch das Spiel der Jungfrau: die Sicherheit, die sogleich ihr erstes Auftreten kennzeichnet, die Entschiedenheit, mit der sie von dem Feinde verlangt, Frankreich zu räumen, die sofort in allen Herzen Mut und Begeisterung weckende UÜbernahme der Führerschaft des Krieges, ihr siegreiches, zielbewusstes Vordringen über Orleans nach Rheims lassen kaum wührend der aufsteigenden Hälfte das Vorhandensein eines wirksamen Gegenspiels vermuten; dasselbe ist auch, wie später gezeigt werden soll, von ganz eigen- tümlicher Beschaffenheit in diesem Stücke: die feindliche Gewalt, welche in der Umkehr die Führung über- nimmt, ist keine äussere, sondern entwickelt sich aus dem innersten Wesen der Jungfrau heraus.(Be- fangenheit derselben bei der Begegnung mit Lionel.)
Um die beiden Hälften, Steigerung und Umkehr, genau bestimmen zu können, ist es zuvor not- wendig, dass der Schüler den Höhenpunkt des Dramas auffindet. Merkmal ist, wie oben gesagt, dass etwas geschieht, was sofort als folgewichtig für die ganzé Handlung erkannt wird. Ferner ist derselbe in der Regel im dritten Akte zu suchen, aber Ausnahmen sind nicht selten. Wichtiger als dieses äusserliche Kenn- zeichen ist die eigentümliche, glanzvolle Ausstattung gerade dieser Stelle des Dramas, wovon weiter unten (unter Höhenpunkt) die Rede sein soll. Aber die Steigerung und die Stufen, in denen dieselbe fortschreitet, lassen sich nebst dem Höhenpunkte, bei geschickter und lebendiger Behandlung seitens des Lehrers, oft von dem Lernenden schon aus der Idee ohne grosse Schwierigkeit entwickeln. Folgende Betrachtungen dürften zum Erkennen der aufsteigenden Hälfte und der Spitze der Schillerschen Dramen genügen.
I. In Bezug auf die R. ist das Vorhandensein zweier Höhenpunkte, einen für die äussere, einen für die innere Handlung l, bemerkenswert. a) Höhenpunkt für die innere Handlung: ein Jüngling, aus- gezeichnet durch Grösse der Leidenschaft und Energie des Willens, ist in seinen heiligsten Gefühlen schwer gekränkt worden. Seiner reinen, tief erschütterten Seele bemächtigt sich eine so gewaltige Aufregung, dass er für die verwerfliche That des Individuums das Menschengeschlecht verantwortlich macht; er erklärt, demselben den Krieg, indem er glaubt, dass er das Werkzeug in der Hand der Vorsehung sein könne, die Menschheit für ihre Entartung zu strafen und bessernd einzuwirken. Dieser Glaube erhebt ihn aus der Sphäre der gemeinen Verbrecherwelt, giebt ihm seltene Thatkraft und macht ihn dadurch scheinbar unüberwindlich gegen den äusseren Feind. Aber der Fluch seiner Thaten begleitet ihn unbemerkt. Es wird unschwer vom Zuhörer empfunden werden, dass da, wo der innere Feind ihn erfasst, das Schicksal des Helden an einem Mittel- oder Wendepunkt angekommen ist. Durch die Gemütsumdüsterung und ausbrechende Melancholie legt die Nemesis gleichsam die Hand auf seine Schulter, um ihn von jetzt ab nicht wieder loszulassen. Sie weckt den unüberwindlichen Feind, der infolge der schranken- losen Thaten des Helden sich gegen ihn wendet, und auf dessen Erscheinen, sowie auf den Ausgang des Kampfes mit demselben der Zuschauer trotz jeder noch so glänzenden That Moors längst die gespannteste
61) Die äussere Handlung bezieht sich auf die Begebenheiten des Dramas, die innere auf die seelischen Prozesse, die sich an jenen oder durch jene vollziehen.


