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Beitrag zur Behandlung der dramatischen Lektüre : 1. Teil / von Hermann Unbescheid
Entstehung
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das Gegenspiel. Mag aber ein Drama im Spiel oder Gegenspiel geführt werden, immer kommt die Hand- lung an einen Punkt, wo das Kämpfen und Ringen der Parteien auf ein höchstes Mass gesteigert er- scheint, wo irgend etwas geschieht, was vom Zuschauer sofort als entscheidend für das Resultat des Kampfes empfunden wird, sei es nun, dass, wie in einer im Spiele steigenden Handlung, das Begehren und Wollen des Helden gegenüber den feindlichen Gewalten, oder, wie in einem im Gegenspiel steigenden Drama, das Begehren und Wollen der feindlichen Gewalten gegenüber dem Helden sich in einer Thatꝰ konzentriert. Immer aber erscheint von dem Augenblicke ab, wo die Gemütsprozesse sich in einer solchen hervorbrechenden That äussern, gewissermassen ein Moment des Stillstands eingetreten ist, die ganze folgende Handlung als Rückwirkung jener That, und man hat deshalb den Teil des Dramas bis zum Eintritt dieses Punktes die Steigerung,s letzteren selbst den Höhenpunkt genannt, der den zweiten Teil, den Fall oder die Um- kehr, mit dem ersten verknüpft. Waren bis zum Eintritt des Höhenpunktes die feindlichen Gewalten mehr in Passivität und der Held in Aktivität, so wird nunmehr dem Gegenspiel durch die That des Helden, d. h. durch dasjenige Ereignis, in dem sein Streben etc. sich gleichsam konsolidiert hat, der Angriff mög- lich, es gewinnt durch sie über ihn Macht; war der Held in verhältnismässiger Passivität, so wird ihm vom Höhenpunkte ab, wo das leidenschaftliche Anstürmen des Gegenspiels sich in einer folgewichtigen That dokumentieren musste, ebenfalls dadurch Raum geschafft, sich mit immer grösserer Sicherheit des starken Andrängens zu erwehren, er ist im Gegensatz zu seinem Verhalten während der steigenden Handlung in der Umkehr in entschiedener Aktivität. Steigt ein Drama im Spiel, so fällt es im Gegenspiel, steigt es im Gegenspiel, so fällt es im Spiel.²

Für Schiller stellt sich folgendes Verhältnis heraus: R. Der Hauptspieler Karl Moor wird durch das Gegenspiel, Franzens Intrigue, getrieben, Räuber zu werden. Allerdings erscheint er als solcher sofort in lebendiger Aktion und führt die Haupthandlung; aber alle seine Thaten, selbst Rollers Befreiung, begeht er in dem Zustande der Befangenheit, in den ihn das Gegenspiel versetzt hat. Erst nach der Rückkehr ins väterliche Schloss(Höhenpunkt) eröffnet er den wirksamen Kampf gegen Franz, dessen bösartige Natur ihn so weit gebracht hat, dass der einst so tollkühn ins Leben stürmende Jüngling der Melancholie ver- fällt und durch seine Handlungen gleichzeitig der Liebe zu Amalien unwürdig geworden ist. Das Stück

57) In diesem Sinne kann wohl auch gesagt werden, dass der werdende Konflikt geworden ist.

58) G. F. a. 0. O. p. 108 flg. sagt über die Steigerung:Die Handlung ist in Bewegung gesetat, die Haupt- personen haben ihr Wesen dargelegt, das Interesse ist angeregt. In einer gegebenen Richtung hält sich Stimmung, Leidenschaft, Verwicklung. Es ist in modernen Stücken kein unbedeutender Teil des dreistündigen Dramas, welcher dieser Steigerung gehört. Seine Einrichtung hat verhältnismässig geringe Schwierigkeit. Folgendes sind die gemein- gültigen Regeln dafür. War es nicht möglich, die wichtigsten Personen des Gegenspiels oder der Hauptgruppe im Vorhergehenden darzustellen, so muss ihnen jetzt ein Raum geschafft und Gelegenheit zu charakteristischer Thätig- keit gegeben werden. Auch solche, welche erst in der zweiten Hälfte des Dramas wirksam sind, mässen dringend wünschen, sich schon jetzt dem Hörer bekannt zu machen. Ob die Steigerung in einer oder mehreren Stufen bis zum Höhenpunkte laufe, hängt von Stoff und Behandlung ab. In jedem Fall ist ein Absatz in der Handlung auch in der Scenenbildung so auszudrücken, dass die dramatischen Momente, Auftritte und Scenen, welche demselben Abschnitt der Handlung angehören, auch unter einander zur Einheit organisiert werden, als Hauptscene, Nebenscene, Zwischenglieder. p. 111.Für die Scenen der Steigerung gilt der Satz, dass sie eine fortlaufende Verstärkung des Interesses hervorzubringen haben; sie müssen deshalb nicht nur durch ihren Inhalt den Fortschritt darstellen, auch in Form und Behandlung eine Vergrösserung zeigen, und zwar mib Wechsel und Nüancen der Ausführung; sind mehrere Stufen nötig, so muss die vorletzte oder letzte den Charakter einer Hauptscene erhalten.

59) Aus dem II. Kapitel von G. F. T. d. D. p. 91 flg. mögen zur Erläuterung des oben Gesagten noch folgende Stellen hier folgen:Das Drama stellt in einer Handlung durch Charaktere, vermittelst Wort, Stimme, Ge- berde, diejenigen Seelenprozesse dar, welche der Mensch vom Aufleuchten eines Eindruckes bis zu leidenschaftlichem Begehren und zur That durchmacht, sowie die Seelenprozesse, welche durch eigene und fremde That aufgeregt werden. Der Bau des Dramas soll diese beiden Gegensätze des dramatischen Lebens zu einer Einheit verbunden zeigen, Ausströmen und Einströmen der Willenskraft, das Werden der That und ihre Reflexe auf die Seele, Satz und Gegensatz, Kampf und Gegenkampf, Steigen und Sinken, Binden und Lösen. In jeder Stelle des Dramas kommen beide Richtungen des dramatischen Lebens, von denen die eine die andere unablässig fordert, im Spiel und Gegenspiel zur Geltung; aber auch im ganzen wird die Handlung des Dramas und die Gruppierung seiner Charaktere dadurch zweiteilig. Der Inhalt des Dramas ist immer ein Kampf mit starken Seelenbewegungen, welche der Held gegen widerstrebende Gewalten führt. Und wie der Held ein starkes Leben in gewisser Einseitigkeit und Befangenheit enthalten muss, so muss auch die gegenspielende Gewalt durch menschliche Vertreter sichtbar gemacht werden. Diese zwei Hauptteile des Dramas sind durch einen Punkt der Handlung, welcher in der Mitte derselben liegt, fest verbunden. Diese Mitte, der Höhenpunkt des Dramas, ist die wichtigste Stelle der Konstruktion, bis zu ihm steigt, von ihm ab fällt die Handlung. Es ist nun entscheidend für die Beschaffenheit des Dramas, welche von den beiden Brechungen des dramatischen Lichtes in den ersten, und welche in den zweiten Teil als die vorherrschende gesetzt