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Die Reise des Paulus von Jerusalem nach Damaskus / von Professor F. Hielscher
Entstehung
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1 n ſeinem BuchePaulus¹) bemerkt Heinrich Weinel:

So begreiflich und verſtändlich es iſt, daß der Prophet ◻½(Paulus) zum Apoſtel wurde, ſo ſchwer iſt es zu ver⸗ ſtehen, warum er gerade zum Heidenapoſtel ward. Lag es nicht viel näher für ihn, ſeinen Volksgenoſſen zu predigen, auf welche Geburt und Erziehung ihn hinwieſen, die er auch innerlich beſſer verſtand als die Griechen? Konnte er nicht viel mehr für ſie arbeiten als für die Fremden? Hat er nicht ſelbſt geſagt, daß er verdammt ſein wolle und ewig getrennt von ſeinem Herrn, wenn er ſie dadurch retten könne? ²)

Mit der Klarheit, die dem Leſer ſein Buch ſo lieb macht, hat hier der Gelehrte ein Hauptproblem im Leben des Paulus berührt. Zwar bemüht er ſich, eine Erklärung für die er⸗ wähnte auffällige Tatſache beizubringen; aber ich verſtehe ihn wohl recht, wenn ich annehme, daß ihn die Löſung, die er andeutet, ſelbſt nicht befriedigt. Sie iſt ihm nur ein Notbehelf.

Befragen wir wiederum die Quellen, ſo antworten uns die Apoſtelgeſchichte und Paulus ſelbſt, Gott habe ihn durch eine Offenbarung, durch einen direkten Befehl zum Heiden⸗ apoſtel berufen. Aber in welcher Weiſe ihn Gott allmählich hingeführt hat zu ſeiner Beſtimmung, darüber ſchweigen beide ſtill. Sie machen uns mit dem Abſchluß einer Entwicklung bekannt, über den Gang der Entwicklung fällt kein Wort. Ob das gleichmäßige Schweigen beider Quellen ſich aus den⸗ ſelben Beweggründen erklärt? Ich zweifle ſehr daran. Paulus hatte keine beſondere Veranlaſſung, uns aufzuklären. Der Verfaſſer der Apoſtelgeſchichte war nicht in der gleichen Lage; entweder wußte er nichts, oder er wollte ſchweigen.

¹) Tübingen 1904. S. 120.

2) Auch Adolf Deißmann wirft in ſeinem WerkePaulus Tübingen 1911 S. 136 die Frage auf:Was hat den Mann hinausgetrieben in die Welt? aber in einem anderen Sinn und Zuſammenhang, als es hier geſchieht. Daher gibt er auch eine ganz andere Antwort, als wir hier ſuchen.