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Ganz unverkennbar zeitlich ist das conditionale wenn, bekanntlich von wann ursprünglich nicht verschieden; es wird mithin durch das conditionale Verhältnis ganz naturgemäss ein wirkliches, möõgliches oder nichtwahres zeitliches Zusammentreffen angedeutet, und im ersten Falle ist der Indicativ, im zweiten und letzten der Coniunctiv allein angebracht:„wenn er das thut, so sage ihm“,„wenn er gekommen wäre, haätte ich ihm gesagt“. Der scharfe Unterschied zwischen der potentialen Auf- fassung:„wenn er käme= etwa kommen sollte“ und der irrealen„wenn er käme, aber er kommt nicht“ wird hierbei nicht immer so klar festgehalten wie im Griechischen und Lateinischen.
Neben dieser hier jedenfalls am meisten angebrachten zeitlichen Bezeichnung kann der con- ditionale Sinn auch durch das rein örtliche, dem wenn im übrigen nahe verwandte wo(wo er das thut, ist es sein Tod) und das vergleichende so angedeutet werden; beide aber haben eine nur sehr beschränkte Geltung, vorwiegend, um drastisch ein reales Verhältnis conditional auszudrücken.
Nahe verwandt der Grundauffassung nach ist im Deutschen das Concessive mit dem Con- ditionalen, indem es bloss eine enge Abart des Conditionalen darstellt; dabei gewinnt das zeitlich- conditionale Moment den Charakter des Überraschenden, Unerwarteten dadurch, dass ihm irgend ein Wörtchen beigefügt wird, welches die unmittelbare Folge in der Zeit oder gar die Gleichzeitigkeit bezeichnet: wenngleich, wennschon. Auch die andere Form, die völlig entsprechende: obpgleich, obschon geht in derselben Weise vom conditionalen Sinne aus, denn ob= wenn ist das früher im conditionalen Sinne ganz gewöhnlich Angewendete, im Englischen noch jetzt rein conditionale Element ob, cf. englisches if. Der Sinn ist mithin der, dass sofort, schon, wenn etwas eintrat, auch ein anderes eintrat, was eigentlich nicht zu erwarten war; der einzige Unterschied zwischen wenngleich... und obgleich ist dabei der, dass bei wenn mehr das zeitliche, bei ob mehr das rein conditionale Moment in den Vordergrund tritt. Bei dem ebenfalls concessiven obwohl= wenn auch recht, wenn auch noch so sehr= quamvis ist der concessive Sinn direct ausgedrückt durch den Gegensatz, indem gesagt wird, dass etwas dennoch geschieht, möge immerhin etwas anderes noch so sehr geschehen; dies letztere deckt sich also völlig mit dem lateinischen und griechischen Ausdruck des Concessiven: quamquam, quamvis= wie sehr auch nur, wie sehr man will, alxο(rouν„= auch noch so sehr(thuend)... Die etwa sonst noch im Deutschen angewen- deten Concessivformen, wie selbst wenn, wenn auch, mag immerhin gehen ebenfalls von der letztgenannten Auffassung aus, sind bloss noch sinnlicher und klarer.
Auch darin zeigt sich die Verwandtschaft der Conditional- und Concessivsätze, dass beide neben der coniunctionalen Form eine ungemein lebendige, coniunctionslose zeigen, welche nebenbei auf die Satzbildung ein unerwartetes Licht wirft. Kommt er, so ist es gut— kommt er nicht, so ist es auch gut. Wütet er auch noch so sehr, wir kehren uns nicht daran. Hier ist auch noch so sehr noch reine Adverbialbildung, quamvis hat schon den vollen Wert einer Coniunction; dies auch noch so sehr entspricht durchaus dem halbconiunctionalen αεασ.
Am wenigsten verständlich ist ihrer eigentlichen Bedeutung nach die Coniunction, welche in seltener Ubereinstimmung den indogermanischen Hauptzweigen eigen ist, welche im Französischen und teilweise im Deutschen einen grossen Teil der anderen verdrängt und so gewissermassen zur Coniunction par excellence wird, auch im späteren Lateinischen sich neue Gebiete erobert: ér., quod, que, dass, yat... Diese Ubereinstimmung zeigt, dass sie im Wesen der Sprache tief begründet sein muss. Dabei ist zu beachten, dass gerade diese Coniunction völlig farb- und inhaltlos ist, während doch die übrigen meist gewisse örtliche, zeitliche oder ursächliche, klar bezeichnete Grundbedeutungen aufweisen. Das kommt daher, dass sie auf coniunctionalem Gebiete dasselbe darstellt, wie das relative Pronomen auf pronominalem, dass sie ohne Sonderbedeutung lediglich die Sätze coniunctional vermittelt, so wie das pronominale Relativ sie pronominal vermittelt. Weil sie jeder Bestimmtheit ermangelt und doch ausgesprochen coniunctional ist, so kann sie, wo Sinn und Ver- bindung allein die nõtige Klarheit geben, den allerverschiedensten Beziehungen dienen, nur drückt


