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[2] (1894) Zur indogermanischen Syntax : Fortsetzung / von Heinrich Winkler
Entstehung
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man unbedingt den Coniunctiv erwarten müsste, eine Erscheinung, die in dieser Ausdehnung dem Griechischen und Lateinischen völlig fernliegt; gleichwohl zeigen auch sie Spuren davon und erzielen gerade dadurch die lebhafteste Wirkung. Denn diese dem Deutschen so geläufige Freiheit entspringt nicht einer rohen Auffassung der Modusverhältnisse, sondern dem Streben, in lebensvoller Frische das, was noch nicht ist, vielleicht ist, sein kann, sein möge, als wirklich hinzustellen. Nicht umsonst macht das Griechische gerade da ebenfalls von dieser Freiheit Gebrauch, wo recht eigentlich das Nichtwirkliche hervorzuheben ist. Im gleichen Falle steht es dem Deutschen frei, neben der nor- malen Ausdrucksweise der Schriftsprache im mehr volkstümlichen Tone den ungleich lebensvolleren Indicativ anzuwenden. Einkam er jetzt vorbei, da war es um ihn geschehen, ist jedenfalls wirkungsvoller als das schriftmässigewäre er gekommen, so wäre es um ihn geschehen gewesen. Wie ungemein nahe in diesem Falle der Modus der Wirklichkeit dem Redenden liegt, zeigt das Französische, wo in gleicher Auffassung bei si dann das Imperfect oder Plusquamperfect in der Indicativfkorm angewendet wird: si j'étais si javais été; verdankt ja doch überhaupt der fran- zösische Conditional seine Entstehung der gleichen Gedankenrichtung: j'aimerais= ich hatte zu lieben, musste, sollte, würde unter gewissen Umständen lieben.

Das Deutsche geht, namentlich im Volkston, so weit, dass z. B. selbst Absichtssätze sehr wohl den Indicativ haben können, obgleich doch hier direct auf etwas hingewiesen wird, was sich erst verwirklichen soll; einich sage Dir dies, damit Du es weisst ist viel energischer alsdamit Du es wissest. In den reinen Wunschsätzen mit dass(nur) ist der Indicativ sogar das Regel- rechte:dass Du mir ja nicht dahin gehst! Die Dialecte kennen z. t. kaum noch einen Coniunctiv bei Coniunctionen; kommen doch in diesen die in der Schriftsprache durchaus verpönten Indicative bei wie wenn im irrealen Sinne sehr gewöhnlich vor:er thut, wie wenn er schläft.

Die deutschen Coniunctionen der Zeit bieten nichts Besonderes. Als, wann, wie... mit dem Präteritum bezeichnen rein zeitlich(wann) oder vergleichend(als, wie) den Eintritt oder Verlauf einer Handlung; dabei mag bemerkt werden, dass die anscheinend ferner liegende, vergleichende als, wie drastischer als das bloss zeitliche, farblose wann die inneren Beziehungen der Handlungen als natürliche hinstellt, gewissermassen sich naturgemäss entsprechende. Das gerundivische während= die Zeit über wo giebt schon durch seine Bedeutung den eng begrenzten Kreis seiner Wirksamkeit deutlich genug an, desgleichen bis, welches nebenbei als reine Präposition fungirt und hier durch Sinn und Verbindung zum Relativ wird= bis zu dem Zeitpunkt wo. Zur Bezeichnung des rein Thatsächlichen verbindet es sich natürlich mit dem Indicativ:bis er da war, wusste man nichts davon; sowie aber das Eintreten einer Handlung als etwas bloss Erwartetes, Beabsichtigtes dargestellt werden soll, empfiehlt sich die Anwendung des Coniunctiv, doch kann in drastischer Vor- aufnahme des Erwarteten auch dann oft der Indicativ eintreten:warte nur, bis du es hast.

Die begründenden Coniunctionen weil und da zeigen eine beachtenswerte Entwickelung. Das rein zeitliche weil(= die Weile wo, die Zeit über wo, während) hat ausser im Volkstone, wo es noch als reine Zeitpartikel vielfach im lebendigen Gebrauch ist(weil ich ankam, war er längst da,weil wir da warteten, entging uns der Vogel,schmiede das Eisen, weil es warm ist,...), seine zeitliche Bedeutung ganz verloren und ist rein ursächlich geworden; es bezeichnet eine unmittelbare zeitliche Zusammengehörigkeit; zwischen Dingen aber, die zeitlich unbedingt zusammen- gehören, darf man wohl eine innere, ursächliche Beziehung annehmen, und so wird weil zum Exponenten des rein obiectiven, thatsächlichen Grundes. Das viel farblosere, unbestimmtere, bloss leicht örtlich weisende da= an der Stelle wo, dort wo, unter den Umständen wo eignet sich von vornherein mehr für den bloss gedachten oder subiectiven Grund; es ist hier wie bei dem manigfachen Gebrauch des adverbialen da(da ist er und da glaubt jemand noch da soll doch der Teufel reinschlagen da mache mir einer einen Vers draus ja, da muss man eben aufpassen) alles wag und subiectiv.