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[1] (1892) Zur indogermanischen Syntax / von Heinrich Winkler
Entstehung
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so dass dieses in unangenehmer Weise dadurch getroffen wird, wie in anknurren, andonnern, ankrakehlen...., ist im Gotischen auch wenigstens vorhanden; cf. z. B. staurran= starren, andstaurran c. Acc.= jemanden anfahren.

Die Verbindung eines Accusativ des Objects und eines solchen des Prädicatsnomens, wobei das letztere im Deutschen heut flexionslos erscheint, ist im Gotischen wie im Angelsächsischen und Altnordischen ganz gewöhnlich. cf. vairthana briggan= würdig(en) machen, usvaurhtana, garaihtana gadomjan= als vollkommenſen), gerecht(en) hinstellen, garaihtana gataihan= rechtfertigen, garaihtana dithan sik= gerechten sich sagen= sich für gerecht halten, erklären, eine allerdings im Deutschen unmögliche Wendung; ebenso hvana thuk silban taujis thu= wen thust du dich selbst?= für wen hältst du dich? gafahana haban= gefangenlen) halten.

Statt des doppelten Accusativ bei fragen, bitten... wählt das Gotische meist den Genetiv der erfragten, erbetenen Sache neben dem persönlichen Objectaccusativ, eine in den neueren ger- manischen Sprachen weit verbreitete Erscheinung. frehun ina thizos gajukons= fragten ihn des Gleichnisses= nach dem G. bidei mik thisvizuh thei vileis= bitte mich wessen immer du willst= nach allem, was immer... Auf die Erklärung des Genetiv kann hier nicht ein- gegangen werden.

Auch die Deutung der Accusative mit dem Infinitiv würde hier zu weit führen, es genüge die Bemerkung, dass sie sich mit derselben Erscheinung im Griechischen und Lateinischen nicht decken, dass hier der Accusativ der Person als wirklicher Objectaccusativ, abhängig von dem regie- renden Verbum, zu fassen ist, und dass echt gotische Bildungen mit solchen abwechseln, welche halb missverständlich dem Griechischen nachgeahmt sind.

Der Accusativ der Zeitdauer und Verwandtes findet sich als allgemein indogermanisch natür- lich auch im Gotischen oft.

Den im Griechischen so häufigen Accusativ eines Substantivs zur Bezeichnung dessen, in bezug worauf etwas geschieht, möchte man dem Gotischen absprechen trotz des auffallenden ohtedun sis agis mikil= sie fürchteten sich in grosser Angst(wörtlich grosse Angst); jedenfalls ist im allgemeinen das Gefühl dafür im Gotischen erloschen, und diese wortliche Ubertragung des †v usrav mehr nur ein Versuch, welcher freilich zeigt, dass der Ubersetzer es glaubte wagen zu dürfen, während er bei einer dem Gotischen ganz fernliegenden Ausdrucksweise jedesmal ohne weiteres der gotischen Auffassung Rechnung trägt. Auch ist der erwähnte nicht der einzige ähnliche Fall; fast noch weniger gotisch mutet uns ein gavasiths.... garda filleina an, griechisch= avde devO .... SGvnv Sephartyhv, umso mehr als vorhergeht taglam ulbandaus= mit Kamelhaar, wobei taglam der instrumentale Dativ ist, griechisch aber ebenfalls der Accusativ steht: rplaςα αά,⁵νον.

Auch der rein adverbiale Accusativ von Substantiven, nach Art des griechischen re bEr* dos, SvoHbM... fehlt im Gotischen ausser in einigen erstarrten Bildungen wie sunja= in Wahrheit, aiv= Accus. vor aivs(Zeit), in Verbindung mit ni als ni aiv= nicht irgend eine Zeit, nie, mit suns= sofort, mit halis= kaum je. Dagegen ist der adverbiale Accusativ von generell gefassten Adiectiven, Pronomina... sehr häufg, cf. filu, leitil, airis, mais, thanamais; selbst zwei solche Accu- sative zusammen kommen vor: filu mais= viel mehr; dann hva= was(sehr oft)....

Von dem Wesen des deutschen Accusativ seien nur einige der hervorstechendsten Eigentüm- lichkeiten andeutungsweise skizziert. Die Fähigkeit, intransitive Verba der Bewegung, einer Gefühls- äusserung..... durch Zusammensetzung mit Präpositionen, Adverbia oder sogar mit einem adver- bial oder prädicativ gefassten Adiectiv transitiv zu machen ist eine enorme.

anbeten, anbetteln, anblasen, anblinzeln, anbrüllen, anbrummen, andonnern, anfächeln, an- fahren, anfallen, anflehen, anfletschen, angaffen, angähnen, angehen, anglotzen, angucken, anhauchen, anlachen, anlügen, anschnauzen, anschnarchen, anschnauben, anschreien, ansingen, anstarren, an- staunen, anstieren, antasten, antreten, anwehen, anwiehern...