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Befremdend wirkt der Gegensatz zwischen der ziemlich engen Gebundenheit des Gotischen in der Verbindung seiner zahlreichen Verba mit dem Accusativ und der schrankenlosen Freiheit und elementaren Kraft des Neuhochdeutschen im gleichen Falle. Es ist das Letztere in eine völlig neue, früher kaum angedeutete Phase der Entwickelung getreten, zwischen dem Gotischen und Neuhoch- deutschen gähnt eine Kluft, welche durch die Mittelglieder kaum andeutungsweise ausgeglichen wird. Freilich wird dieser Gegensatz etwas von seiner Schärfe verlieren bei der Erwägung, dass wir im überlieferten Gotisch nicht die lebendige Sprache des Volkes vor uns haben, sondern den mühsam ringenden Versuch, mit einem dafür völlig unvorbereiteten Idiom unvermittelt der fremden und über- legenen Anschauungsweise einer längst abgeschlossenen Culturwelt gerecht zu werden. Der Uber- setzer vermeidet ängstlich alles, was von der einfachen Klarheit des griechischen Originals abliegt, und bemüht sich, verdeutlichend und erläuternd die oft prägnante Ausdrucksform desselben wiederzugeben; da ist freilich für eine Bethätigung dessen, was geeignet sein mochte, auch die individuelle Richtung des gotischen Ausdrucks packend zur Geltung zu bringen, kein Raum. Und doch sickert manches durch, was uns ahnen lässt, dass auch dieser älteste Zeuge germanischer An- schauungsweise eine freiere Bewegung auf unserem Gebiet gekannt habe.
Der aus dem Gotischen überlieferte Sprachstoff umfasst etwa ein halbes Tausend Verba mit dem Accusativ, davon aber ist die weitaus grösste Mehrzahl nicht einfach, sondern sei es mit einer Präposition, sei es mit einem anderen verstärkenden oder modificierenden Hilfselement zusammen- gesetzt. Mag auch selbst hier in etwa die Neigung, möglichst genau das Original wiederzugeben, bestimmend gewesen sein bei der Wahl solcher nicht einfacher Ausdrücke, so pleibt doch der grelle Contrast zwischen dem Gotischen und älteren Ausserungen indogermanischen Sprachlebens, nament- lich dem Altarischen, sei es dem Sanskrit oder der Sprache des Avesta, bestehen. In dem ganzen altarischen Zweige überwiegt die Anwendung einfacher Verba beim Accusativ derart, dass die zusammengesetzten Bildungen überhaupt keine Rolle spielen. Die Kraft des einfachen Ausdrucks genügt nicht nur beim eigentlich transitiven, sondern meist auch beim intransitiven Verb, die Ver- bindung mit irgend einer Art Object natürlich erscheinen zu lassen; die Richtung, wonach ein intransitives Verbum erst durch ein verstärkendes oder individualisierendes Hilfswörtchen für die Verbindung mit dem Objectcasus fähig gemacht wird, ist in den ersten Anfängen. Im Gotischen dagegen ist diese Richtung nicht nur voll zum Durchbruch gekommen, sondern ein sehr beträcht- licher Teil der an sich unzweifelhaft nur transitiven Verba verbindet sich ebenso beständig mit den genannten Vorwörtchen; d. h. die an Kraft abnehmende Eigenbedeutung der Verba führt zu einem Uberwuchern der einmal in ihrer hebenden, verstärkenden Bedeutung klar erkannten Elemente. Die natürliche Folge ist die, dass eine Verbindung gar intransitiver einfacher Verba mit dem Object- casus, was wir im Avesta und im Griechischen allgemein fanden, so gut wie ausgeschlossen ist. Eine fortschreitende Zeit klarerer Festigung des sprachlichen Besitzstandes hat allerdings in richtigem Gefühl das Übermass wieder eingeschränkt, und das Hochdeutsche z. B. erzielt die wirkungsvollsten, lebendigsten Wendungen gerade durch Verbindung intransitiver Verba mit dem Objectcasus. Dass wirklich das Streben, den sinkenden Wert der einfachen Verba verstärkend zu heben, die Haupt- veranlassung zu dem Verfahren des Gotischen ist, erhellt schon daraus, dass das Element, welches die unverhältnismässig grösste Anzahl der zusammengesetzten Verba bilden hilft, keine Präposition, sondern das nur verstärkende ga ist. Etwa ein Drittel sämtlicher überlieferten gotischen Verba enthält dies ga, und wieder entfällt davon die weit überwiegende Mehrzahl auf die Verba, welche den Objectcasus nehmen. Ja sogar die Verdoppelung des ga ist möglich, und wieder sind die betreffenden Verba mit einer Ausnahme Accusativverba; so gagaleikon, gagamainjan, gagatilon, gagahaftjan, gagavairthjan. Auch die Verbindung des Verbalstammes mit mehreren präpositionalen Vorwörtchen ist wie im Griechischen üblich, z. B. faurbigaggan, faurbisnivan, anainsakan.... Die Verwandlung intransitiver Verba in transitive durch gewisse Präpositionen ist wie gesagt eine
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