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[1] (1892) Zur indogermanischen Syntax / von Heinrich Winkler
Entstehung
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geht das erheblich über den Accusativ der Ausdehnung hinaus und gestaltet sich schon zum rein adverbialen Verhältnis, entspricht jedoch durchaus dem Wesen des Casus der allgemeinsten Beziehung. Das Gleiche gilt von demselben, wo er abweichend von der Mehrzahl der verwandten Sprachen zeit- liche Ruhe bezeichnet, eine keineswegs seltene, überdies dem Avesta wie dem Altpersischen eigen- tümliche Erscheinung, welche auch dem Germanischen nicht fremd ist; z. B. cathwaresatem aiwigämanam dvaéibya haca nerebya dva nara us-zayeinté= 40 Jahre(= in 40 J.) werden von 2 Menschen 2 Menschen gezeugt. Noch klarer tritt die Idee der Ruhe hervor in: welcher gezogen kommt aghram usaitim ushäonem= die erste aufleuchtende Morgenröte d. h. bei der e. aufl. M. Ebenso deutlich im Altpersischen z. B. raucapativäã(= rauca-pati-va)= bei Tage oder bei Nacht, oder: Garmapadahya mâhya 1 rauca= das Monats Garmap. am ersten Tage.

Hieran schliessen sich unmittelbar an die sehr verschiedenen und äusserst freien adverbialen Accusative, welche selbst über die schon im Griechischen sehr weit gesteckten Grenzen erheblich hinausgehen und das im Eingange Gesagte vollauf bestätigen. Jede allgemein gehaltene, nicht durch ein specielleres Casusverhältnis ihrem Wesen nach genauer formulierte nähere Bestimmung eines nominalen wie verbalen Ausdrucks darf im Accusativ stehen. Wenige Beispiele aus der überreichen Fülle mögen ein ungefähres Bild geben. ashem ashavastemb= an Tugend der Tugendhafteste, khshathrem hukhshathrôtemb= an Herrschaft der Gewaltigste, rasm raévastemö= an Glanz der Glänzendste, verethra verethravastemb= an Sieg der Siegreichste. Ohne ein solches Adiectiv von gleichem Stamme werden Substantiva der Art sehr oft rein adverbial verwendet, so nama= namens, cf. SvohZa, masöõ= an Grösse, cf. ¹o HLε*εοα, drajö= an Breite, arejô = als Preis, vasö= nach Wunsch, anusõ= wider Willen. Soll das Verhältnis irgend genauer bezeichnet werden, so tritt für den unbestimmten Casus der Instrumental ein. Viel weiter als die verwandten Sprachen geht der Avesta in Fällen wie: den Herrn des Hauses heile er nitemem staorem arejoö= ein kleines Zugtier(Acc.) als Preis(Acc.)= für ein kl. Z...; desgleichen in: ich bin zu einem Toten gekommen anaéshem manô, anaêéshem vaco= nicht wünschend in Gedanken, nicht wünschend in Worten, wo direct eine Art absoluter Accusativ vorliegt, aber so, dass das subiective ich in ich bin gekommen accusativisch durch anaéshem erläutert oder fort- geführt wird, d. h. also gewissermassen das Prädicatsnomen zu einem nominativischen Subject im Accu- sativ steht; eine Richtung, die dem Alteranischen wie dem Sanskrit überhaupt nicht fremd ist und eigen- tümliche Erscheinungen zeitigt. Abgesehen von anderen Fällen, wo das unzweifelhaft stattfindet, sehe ich abweichend von Hübschmann p. 203 diese Thatsache bestätigt durch zwei ziemlich gleichartige Beispiele, in denen geradezu das das Subject näher bestimmende participial-adiectivische Nomen in den Accusativ tritt: ySêzi jem frapayéini avi zum ahuradhätam= wenn ich lebend gelange zur Ahurageschaffenen Erde, und: er gelangte in seine Wohnung drüm avantem airischtem hamatha yatha paracit= gesund und unversehrt wie vorher. Die Verbindung ist auffallend, weil wir gewohnt sind, alle adiectivischen Bestimmungen, übereinstimmend mit dem Subjectausdruck im Nominativ zu finden, gleichwohl tritt sie eigentlich aus dem allgemeinen Rahmen nicht heraus; das Kommen wird irgendwie, in der allgemeinsten Form, als ein gesund, in gesundem Zustande Kommen näher bestimmt, und dem entspricht die Anwendung des Casus der Unbestimmtheit. Das ist jedenfalls für unsere Auffassung noch weit natürlicher, als wenn selbst bei dem Verb sein das Prädicatsnomen in den Accusativ tritt, und doch ist auch das aus dem bisher Entwickelten völlig erklärbar und kommt auch im Indogermanischen vor, von andern Sprachstämmen nicht zu reden, wo es eine ganz gewöhnliche Erscheinung ist; es erscheint uns immer noch natürlicher, als wenn das Prädicatsnomen im Slavischen im Instrumental steht; die Auffassung in beiden Fällen ist nahe verwandt, nur ist wieder beim Gebrauch des Accusativ die unbestimmte, allgemeine, bei dem des Instrumental die ganz specielle Casusform gewählt, welche überhaupt gewöhnlich für den Accusativ oder neben demselben eintritt, wo dieser zu allgemein oder unbestimmt erscheint.

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