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wirklichen Instrumental beiseite zu schieben, dass der letztere im Angelsächsischen ein noch recht reges, im Althochdeutschen ein zwar kümmerliches, immerhin aber ausgeprägtes Leben entfaltet, obgleich nebenher in denselben beiden Sprachen auch der Dativ schon in unverhüllt instrumentaler Function erscheint. Die fast völlig gleiche Form beider Casus im Angelsächsischen begünstigt das allmähliche Eintreten des Dativ anstelle des Instrumental in hohem Grade. Nur im Gotischen und Altnordischen hat er den Instrumental als lebendigen Casus, d. h. abgesehen von erstarrten, formel- haften Ausdrücken, verdrängt. Aber auch hier ist durchaus keine bedingungslose Auslieferung des gesamten Wirkungskreises des Instrumental an den Dativ eingetreten, sondern der letztere vertritt nur diejenigen Seiten in der Anwendung des Instrumental, welche mit dem Dativwesen vereinbar sind. Bekanntlich ist der Instrumental selbst aus der Vereinigung zweier, wo nicht dreier ursprünglich geschiedener Casus entstanden, doch so, dass in den ältesten verfolgbaren Phasen des Indogermanischen eineScheidung der Gebiete dieser Urcasus nicht mehr mõöglich ist. Wenn wir von dem äusserst schwachen Prosecutiv absehen, sind die Hauptäusserungen dieses alten Mischcasus die rein comitative und die eigentlich instrumentale. Wie wenig nun von einer blossen Vertauschung der Casus die Rede sein kann, und wie wenig der Dativ geneigt ist, seine eigentliche Natur zu verleugnen, geht genügend daraus hervor, dass er in der comitativen Anwendung keinerlei anklingende Seiten aufzufinden vermag und hierfür gänzlich unfähig sich erweist; wo wirklich comitative Bedeutung vorliegt, müssen Ver- hältniswörter eintreten. Das ist umso auffaâlliger, als dort, wo eigentlicher Instrumental vorhanden ist, wie im Angelsächsischen, auch sofort die unverfälscht comitative Anwendung des Instrumental ohne Präposition uns entgegentritt. Eine Bildung wie der so häufige angelsächsische comitative Instrumental folcé= mit Heeresmacht, kommt im Gotischen nicht vor.
Dagegen lässt sich deutlich verfolgen, wie aus dem reinen Dativ allmählich der Casus der Beziehung, in welcher, und des Mittels, durch welches etwas geschieht, sich entwickelt.
Locativ ist der germanische, speciell der gotische Dativ, nie geworden, was nicht scharf genug betont werden kann, da er immer wieder dafür gehalten wird. Der sicherste Beweis dafür liegt darin, dass er nie allein den Ort bezeichnet, wo etwas geschieht. Ebenso spricht dafür seine regelmässige Anwendung in Verbindung mit Präpositionen in diesem Falle; eben weil er kein Locativ ist, hat er, um die Beziehung dieses Casus zum Ausdruck zu bringen, die Stütze der Präpositionen nötig, gerade so wie er der regelmässige Casus der Trennung ist, aber ebenfalls nie an sich, sondern nur in Verbindung mit Präpositionen; cf. das Obengesagte über den Dativ mit Präpositionen. In einem einzigen Falle macht er den Eindruck einer Art von Locativ, besser Temporalis, indem er sehr häufig die Zeit bezeichnet, in welcher etwas geschieht; aber auch hier ist von wirklichem Locativ keine Rede, was hier ohne ausführliche Begründung nicht näher erläutert werden kann; es sei nur darauf hingewiesen, dass hier im wesentlichen dieselbe Zweck- oder Zielrichtung vorliegt wie ursprünglich in dem hochdeutschen, jetzt ebenfalls locativ gefassten zu Weihnachten, zu Michaelis.
Ebenso wenig wie der Dativ im Germanischen Locativ ist, wird er je zum Ablativ, obwohl alle Präpositionen der Trennung sich mit demselben verbinden. Noch deutlicher als in der scheinbar locativen Verwendung tritt der Casus der Beteiligung hier hervor, es giebt auch nicht einen einzigen Fall, wo derselbe an sich, ohne Präposition, ein wirklich örtliches Verhältnis der Trennung bezeich- nete; wohl aber deutet er an, in wessen positivem oder negativem Interesse das Verhältnis der Trennung sich vollzieht; zur Erläuterung sei nur an so gewöhnliche deutsche Verbindungen erinnert wie: jemandem entfliehen, entgehen, entkommen..., wo einerseits die rein örtliche Beziehung in dem Verbalausdrucke mit ent, anderseits aber das Interesse des Beteiligten mindestens ebenso deutlich in dem Gebrauch des Dativ zum Bewusstsein gebracht wird.
Die Vorliebe des Germanischen für den Dativ zeigt sich auch in der eigentümlichen Erscheinung, dass eine grosse Anzahl von Verben, die in allen verwandten Sprachen als reine transitiva sich mit


