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Gefühle und Empfindungen zurückgeführt werden, ſondern dies hat ſeine Berechtigung nur darin, daß es die Gottheit befohlen und eingerichtet hat. So iſt es immer derſelbe ſittliche Bann, unter welchem die Charaktere, alſo auch Elektra und Oreſt, handeln.*) Würden die beiden Geſchwiſter aus Mitleid mit der Mutter die Rache gegen ſie nicht betreiben, ſo wäre dies modern und nicht antik. Der Dichter ordnet alſo die Sitte des Einzelnen einem allgemeinen, außer ihm ſtehenden Sittengeſetz unter. Schroffheiten, die uns bei dem ſonſt ſo milden, ſtets in den Schranken der Harmonie ſich bewegenden Sophokles auffallen in Thaten und Ausſprüchen ſind hieraus zu deuten. Daher ſehen wir auch die Charaktere bei dieſem Dichter keinen Schwankungen unterworfen, nicht lange mit ſich zu Rathe gehen, ob ſie eine That vollführen ſollen oder nicht. Sophokles liebt es immer ganze, in ſich abgeſchloſſene, feſte Charaktere vorzuführen, welche unbeirrt durch etwaige anderweite Rückſichten ohne Erwägung ein Ziel mit Entſchiedenheit bis an das Ende verfolgen. Perſonen wie Hamlet oder Wallenſtein, die erſt lange erwägen, wären für die Athener unmög⸗ lich geweſen.
In dieſer eigentümlichen Beſchaffenheit der Charaktere liegt ein weſentlicher Unterſchied der Charakteriſtik des antiken und modernen Dramas, namentlich des germaniſchen. Dieſen Unter⸗ ſchied muß man aber kennen, um Charaktere wie die des Oreſt und der Elektra nicht ſofort als grauſam und unmenſchlich zu verurteilen. Der moderne Dramatiker läßt die Handlung aus den Charakteren der handelnden Perſonen vor den Augen der Zuſchauer ſich entwickeln, der antike läßt die Charaktere an die Handlung heran⸗ und mit ihr in die Erſcheinung treten, ſo daß die Perſonen ihren Charakter ſchon fertig mitbringen. Dem entſpricht das Urteil des Ariſtoteles, wenn er in ſeiner Poetik XI, 9 ſchreibt:„Das Erſte und gleichſam die Seele der Tragödie iſt die Begeben⸗ heit, das Zweite ſind die Charaktere. Eine Tragödie ohne Charaktere iſt möglich, aber nicht ohne Begebenheit.“ Ariſtoteles urteilt ſo nach dem Standpunkt der griechiſchen Weltanſchauung, für welche die Innerlichkeit des Gemüts noch nicht für ſich durchgebildet, die Unendlichkeit des Ich noch nicht erſchloſſen war.
Handeln nun die Charaktere unter dem Eindruck jener Anſchauung, ſo iſt es nicht ihr ſubjektives Gefühl, aus dem ſie handeln, ſondern die außer ihnen ſtehende Macht der ſittlichen Verhältniſſe, welche ihre Handlungen beſtimmt, Daher dürfte der Charakter der Elektra hiernach zu beurteilen ſein, indem alle ihre leidenſchaftlichen Außerungen wie ihre ganze Handlungsweiſe aus jenen Verhältniſſen, als aus ihrer Quelle, entſpringen. Dieſe Quelle iſt aber die göttliche Gerechtigkeit, welche ſtrenge Strafaufſicht führt und den Frevler unerbittlich zur Rechenſchaft
*) Hierauf beziehen ſich auch die Worte Klein's in ſeiner Geſchichte des Drama's B. II.„Der höchſte ſittliche Conflict(der Liebe) kann erſt dann entſtehen, wenn die Pietät keinem anderen Geſetze folgt, als dem ſelbſt⸗ geſchaffenen der Freiheit, kurz, wenn ſie zur Liebe geworden iſt. Warum man das Publikum bei dem erhabenſten ſittlichen Conflict in der Antigone kalt und unintereſſirt vorübergehen ſieht iſt klar, wenn man nur in dem erſten beſten modernen Stück denſelben Kampf von modernen Menſchen tiefer und reicher dargeſtellt ſieht. Was das mo⸗ derne Bewußtſein dabei beleidigt, iſt der ſichtbare, ſittliche Draht, der die Perſonen wie ein Puppenſpiel regieret. Üüberall Geſetz und nirgends freie Wahl.“


