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Wie aber der Tote dieſen Akt der Gerechtigkeit für ſich beanſpruchte, ſo zeigt ſich uns auch im Verlauf des Dramas, daß dieſe Gerechtigkeit es war, mit welcher alle Götter der Ober⸗ und Unter⸗ welt, die dabei ein Amt haben konnten, die Vergeltung ausführen halfen. Doch waren dieſe nur, wie wir geſehen haben, Stellvertreter des Zeus, der in höchſter Inſtanz Vollſtrecker der Gerechtig⸗ keit, und die Sühnung des Frevels ein Akt abſoluter Notwendigkeit war.*) Von Homer an im ganzen griechiſchen Altertum wurde die Vergeltung, Gleiches mit Gleichem, als das Weſen und die Bedeutung der Strafe angeſehen.**) Daher erleidet auch Klytämneſtra die Vergeltung gerade ſo, wie ſie den Frevel am Gatten verübt hatte: Mord durch Liſt, an demſelben Orte und mit derſelben Kaltblütigkeit ſeitens der Rächer. Dahin gehört auch der erwähnte Ermunterungsruf der Elektra an Oreſt zu einem zweiten Schlage. Sophokles hatte nämlich, worauf bereits oben hin⸗ gewieſen iſt, ſeine Tragödie Elektra der Äſchyleiſchen Oreſtee nachgedichtet. In dieſem letzteren Drama finden ſich manche Ausſprüche und Charakterzüge der Perſonen, welche Sophokles bei den Athenern als bekannt vorausſetzte und darauf in ſeinem Stücke Bezug nahm. Da nun im Agamemnon v. 1344— 1347 ed. Hermann die Klytämneſtra nach der Ermordung des Gemahls in gefühlloſer, prahleriſcher Weiſe vor den Bürgern der Stadt die Worte ſagt:„Ich traf ihn zwei⸗ mal; zweimal ſtöhnt er auf und läßt ſofort die Glieder ſinken. Als er darnieder lag, verſetz' ich ihm den dritten Schlag als Weihegabe für den Heiland der Toten in der Unterwelt“, läßt So⸗ phokles in der Vorausſetzung, daß dieſe Worte aus der Aufführung der erwähnten Tragödie dem atheniſchen Zuſchauer noch im Gedächtnis ſeien, die Elektra die obengenannten Worte ihrem Bruder zurufen, um die Mutter darauf hinzuweiſen, daß ihr genau Gleiches mit Gleichem, der Gattenmord und das dabei auch in Worten von ihr zur Schau getragene Benehmen vergolten werde. Zugleich wollte Elektra den Bruder ermuntern, raſch das Werk zum Ziele zu führen, damit nicht durch die Dazwiſchenkunft des Ägiſth, der jeden Augenblick zurückkommen konnte, ihr ganzer Plan, den alten Glanz des königlichen Hauſes wiederherzuſtellen, vereitelt werde.
Wenn nun ſo mit Naturnotwendigkeit unter der Strafaufſicht der Götter die Vergeltung ins Werk geſetzt worden war, ſo ſehen wir dem entſprechend jene Männer, die Werkzeuge der Rache, im vollen Vertrauen auf dieſe göttliche Leitung, welcher ſelbſtverſtändlich jede Verantwortung zufiel, ohne Schwanken, ohne das geringſte Bedenken, ohne jegliche Anwandlung von Reue mit der größten Kaltblütigkeit zu Werke gehen. Dies alles iſt nicht als ein Zeichen von Gefühllloſig⸗ keit, ſondern höchſten Ernſtes anzuſehen, da ſie ja nicht der äußeren rohen Gewohnheit der Blut⸗ rache, ſondern dem göttlichen, höheren Geſetz der Weltordnung nachkommen.
Dies allgemeine göttliche Geſetz, das an der beſonderen Begebenheit in kunſtvoller Ge⸗ ſtaltung auf der Bühne zur Anſchauung gebracht wird, iſt das bewegende Princip, aus dem die dramatiſchen Perſonen handeln und dadurch ihren Charakter empfangen. Dieſe Auffaſſung iſt von Bedeutung für die Beurteilung des Dichters und ſeines Kunſtwerks. Es iſt ſonach dieſes Geſetz, das gebietet, die ſubjektiven Regungen des Gefühls kommen dabei nicht zur Geltung. Die ethiſchen Vorſtellungen, nach welchen die Charaktere bei Sophokles handeln, dürfen nicht auf menſchliche
*) Nägelsbach l. c. p 345**) id. p 242 f.


