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Pylades ſtehen neben ihr, und während jener eben im Begriffe iſt den Todesſtreich gegen die Mutter zu führen, ahnt dieſe, daß ihr Mörder Oreſt ſei und ruft ihm entgegen:„O Sohn, Sohn, erbarme dich der Mutter!“ Elektra, welche aus dem unheilvollen Gemache, in das ſie mit den beiden Männern eingezogen war, wieder herausgetreten iſt, um vor der Thür Wache zu halten, damit nicht Ägiſth etwa bei ſeiner Rückkehr das Rachewerk überraſche und ſtöre, entgegnet ihr: „Der Vater fand bei dir auch kein Erbarmen!“ Da nach dieſen Worten der Todesſtreich gefallen iſt, und die Unglückſelige wiederum ausruft:„Weh, ich bin getroffen!“ ruft Elektra dem Bruder kaltblütig zu:„Führe einen zweiten Schlag gegen ſie, wenn du dich ſtark dazu fühlſt!“ Dies ſind die grauen⸗ vollen Worte aus dem Munde der eigenen Tochter an den Bruder gerichtet, um dieſem beim Muttermorde Mut einzuflößen, Worte, welche, wie überhaupt die hier an der Mutter verübte Blutrache, von verſchiedenen Seiten G. 1. Teil dieſer Abh. p. 11) eine ſo entſchiedene Verur⸗ teilung erfahren haben.
Den ganzen Vorgang der Blutrache an der Mutter, wie ihn Sophokles darſtellt, kann ein modern⸗chriſtliches Gemüt nach ſeiner Anſchauung ſich nicht als möglich denken und muß bei dem Gedanken daran mit Entſetzen erfüllt werden. Den ethiſchen Anforderungen jener Zeiten, in welche die Handlung verlegt wird, iſt der Dichter jedenfalls gerecht geworden. Wir werden wenigſtens mit dem Dichter nicht darüber rechten, wenn, da in jenem heroiſchen Zeitalter, dem Boden, auf welchem unſer Drama ſich bewegt, die Frau noch in hoher Achtung ſteht, und nach dem Bericht Homers die Blutrache auch nur an Ägiſth vollzogen wurde, er aus der nachhomeriſchen Zeit, wo die Achtung der Frau geſunken war, nach Erweiterung der Sage die Blutrache auch auf die Mutter ausdehnt. Um 650 a. Chr. hatte die Oreſtesſage auch mit dem Muttermord darin der Lyriker Steſichoras behandelt, und von ihm haben die Tragiker dieſen Stoff erhalten, welchen dann jeder nach ſeiner Weiſe behandelte. In jene ideale Vergangenheit, in das heroiſche Zeit⸗ alter, verlegten dieſe Dichter ein Rechtsverfahren, welches in ihrem an Humanität hervorragendem Zeitalter längſt verſchwunden war, da Vergehen, welche mit Mord in Verbindung ſtanden, von ſtaatswegen vor dem Areopag verhandelt und beſtraft wurden. Indem ſie nun dieſen beſonderen Mythus dichteriſch geſtalteten, legten ſie ein Allgemeines darin nieder, welches ſie an der Dichtung zur Anſchauung bringen wollten. Sophokles, um von den beiden anderen zu ſchweigen, erkannte dieſes Allgemeine ſchon in der einfachen Sage, indem er in der Rache an den Mördern des Agamemnon das Geſetz der göttlichen Weltordnung ſah, und er nahm ſich die Sage zu ſpeziellerer Behandlung, um die göttliche Gerechtigkeit bei der Betreibung der Vergeltung in dem dra⸗ matiſchem Kunſtwerke zu verherrlichen. Dieſe göttliche Gerechtigkeit durfte nach den oben gegebenen Andeutungen ſich nicht unbezeugt laſſen, und für den Frevel an der verletzten Familienpietät mußte die gebührende Strafe eintreten; wie ja auch der durch dieſe freventlich verletzte Pietät ſo ſchmach⸗ voll erſchlagene Agamemnon bei ſeinem Tode unter einem Fluche gegen ſeine Mörder die Rache verlangt hat, welche ſein Sohn und Erbe unabweislich einzufordern gebunden war.
Darauf weiſt der Chor nach dem Rachewerke hin mit den Worten:„Es gehen die Flüche in Erfüllung, die Toten d. h. Agamemnon, der Urheber der Flüche, unter der Erde leben.“


