Druckschrift 
2 (1885)
Entstehung
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die beiden Frauen mit den Fremden auf der Bühne zuſammentreffen, hat der Dichter erreicht, daß jene ihre wahre Geſinnung ſonder Hehl und Heuchelei vor dieſen offenbaren, wobei dann abermals Klytämneſtra ihre ſchadenfrohe Gefühlloſigkeit gegen ihre Kinder an den Tag legt, dadurch aber ſich als ſchuldig in den Augen der Fremden erweiſt.

Wie ſchon vorher der Bote bei ſeiner Trauerbotſchaft die maßloſe Freude der Klytämneſtra über den Tod des eigenen Sohnes mit eigenen Augen angeſehen hatte, erfährt bei Überbringung der Urne Oreſtes dieſelbe aus dem Munde ſeiner Schweſter, die dann weiter ein Bild ihrer traurigen Lage entwirft, in welches endloſe Elend ſie durch den Tod des Bruders geſtürzt ſei, wie ſie ihn als kleinen Knaben allein gepflegt, und da von der Mutter nach der Ankunft des Ägiſth in dem Palaſte ihm alle mütterliche Pflege entzogen ſei, ſchließlich vor den mörderiſchen Händen derſelben gerettet habe. Oreſt ahnend, daß er die Schyweſter vor ſich ſehe, erkennt ihre ſo eben beſchriebene Lage auch aus ihrer äußeren durch die harten Leiden abgezehrten Geſtalt und fragt verwundert, ob denn dies die herrliche Geſtalt wie ſie ihm der Pädagoge geſchildert hatte der Elektra ſei. Im weiteren Verlaufe der Unterredung mit der Schweſter kommt Oreſt zu der überzeugung, daß durch den unſeligen Bund ſeiner Mutter mit Ägiſth unſägliches Leid über die Schweſter wie Untergang über das Königshaus des Agamemnon gekommen, und er verpflichtet ſei, ſeinem Vater Sühne an ſeinen Mördern zu gewähren und hierdurch die Wiederherſtellung des alten königlichen Throns zu bewerkſtelligen. Aus dieſer Scene, in welcher Elektra die innigſte Liebe zu dem Bruder offen⸗ bart, muß auch dem Zuſchauer offenbar werden, daß ihre früheren leidenſchaftlichen Außerungen der Klage und des Haſſes einem nicht lediglich harten und verbitterten Gemüt entſprangen, daß ihr Herz den weichen und innigen Gefühlen der liebevollſten Zärtlichkeit zugänglich iſt. Durch den am Vater verübten Frevel und den gottloſen Ehebund der Mutter mit Ägiſth war ſie in der liebenden Empfindung und in dem ſittlichen Gefühl, welche ihr innerſtes Weſen ausmachen, tief verletzt worden, ſo daß ſie zu ſo gewaltigen AÄußerungen der Klage und zu ſolcher Standhaftigkeit in der Ertragung aller Leiden gebracht werden konnte. Wir erkennen hierdurch in der Elektra ein tief empfindendes, ächt weibliches Gemüt, das nur wegen der innigſten Liebe zum Vater und durch die ſo ſchnöde Verletzung der heiligſten Gefühle zu ſo unauslöſchlichem Haſſe entflammt werden konnte. Dieſe Liebe iſt es ja auch, durch die ſie ſich mit Zeus in Einklang weiß, vor dem dieſe Liebe als Frömmigkeit gilt, durch die ſie nach dem Ausſpruche des Chors V. 1081 ff. den Sieges⸗ preis davon tragen werde.

Durch ſolche Andeutungen zeigt der Dichter aufs neue die ethiſche Berechtigung der Handlung des Oreſt, welcher mit ſeinem Freunde Pylades nebſt dem Boten ſich anſchickt zur Voll⸗ führung des Rachewerks in den Palaſt zu ſchreiten(V. 1375 ff.) und zwar auf geheimem Wege, wie Apollo es vorgeſchrieben hatte. Zuvor richten ſie an Apollo, deſſen Bild vor dem Palaſt ſtand, ein inbrünſtiges Gebet um Gelingen der bevorſtehenden Vergeltung. Elektra richtet ein Gebet gleichen Inhalt an denſelben Gott und geht den Männern in den Palaſt nach. Der Chor ſieht mit ihnen göttliche Mächte einziehn und den mordgierigen Ares voranſchreiten. Sofort ſieht er auch ſchon, wie die unentrinnbaren Verfolgerinnen unheilvoller Frevelthaten, die Erinhen, im