Druckschrift 
2 (1885)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

16

indem er ſie darauf hinweiſt, daß der allwaltende Zeus im Himmel noch lebe, der die Geſamtheit der Sterblichen mit vorſchauender Weisheit in ſeinem großen Weltplan umfaſſe und auch die Einzelnen in das Ganze einordne. Auch der Hades, heißt es weiter V. 182, habe ihrer nicht ver⸗ geſſen; denn dieſem lag es als Herrn des Totenreiches ob, ſeinen Toten zu ihrem Rechte zu verhelfen, alſo auch den widerrechtlich erſchlagenen Agamemnon an ſeinen Mördern zu rächen.

Der Rat zu unbedingter Ergebung in den göttlichen Willen hat ſeinen Grund in dem Vertrauen auf die göttliche Gerechtigkeit. Zu dieſer Ergebung will der Chor mit den angegebenen Worten die Jungfrau ermahnen, für deren berechtigte Handlungsweiſe dieſer Gedanke des Chors wiederum von Bedeutung iſt. Der Chor rät ihr, ihr Leid und ihren Gram ganz der göttlichen Leitung anheim zu ſtellen, dann ruhig abzuwarten, was Zeus thun werde. Kaum hat der Chor dieſe Troſtesworte geſprochen, da leuchtet auch ſchon ein matter Hoffnungsſchimmer auf. Nach der niederſchlagenden Nachricht, welche Elektra in die höchſte Verzweiflung verſetzt hat, kommt Chryſothemis in freudiger Aufregung herbeigeeilt und verkündet, daß noch Ausſicht auf Rettung vorhanden ſei; ſie habe auf des Vaters Grabe eine Locke gefunden, die ohne Zweifel von Oreſt ſelbſt dort als Grabesſpende niedergelegt ſei. Doch Elektra weit entfernt, dieſe Nachricht als einen Troſt zu empfinden und darüber freudig geſtimmt zu werden, hält ſie vielmehr für einen Fieberwahn der Schweſter, welcher ſie nun die Todesnachricht, von der jene noch nichts wußte, mitteilt und meint, wohl ein anderer habe die Locke zum Andenken auf dem Grabe niedergelegt. Mit dem Glauben an die Rückkehr des Oreſt ſei es nun auf immer vorbei.

In ihrer völlig hoffnungsloſen und verzweifelten Lage geht jetzt Elektra ſo weit, daß ſie den Entſchluß faßt, ſelbſt das Rächeramt zu übernehmen und an Ägiſth doch nicht an der Mutter, in betreff deren ſie überhaupt bis jetzt nicht ein ſolches Vorhaben geäußert hat aus⸗ zuüben. Nur die bis zum höchſten Grade geſteigerte Leidenſchaft macht es erklärlich, daß ein ſolcher Entſchluß in der Bruſt der Jungfrau entſtehen konnte, deſſen Unausführbarkeit an Ägiſth ihr doch klar ſein mußte. Aber auch dieſe leidenſchaftliche Aufregung, welche jenen Entſchluß er⸗ zeugt hat, muß ſofort wieder einer anderen weichen, indem bald nach der Ankunft des Boten Oreſt mit der Totenurne erſcheint, welche angeblich ſeine eigene Aſche enthält. Dieſe Liſt iſt wie die erſtere eine ſinnreiche Erfindung des Dichters, indem dadurch nicht nur die Mutter, ſoudern ſogar Elektra wirklich getäuſcht wird, ſo daß jeder Verdacht von den beiden Fremden fern bleibt, und ſie ohne alle Gefahr in den Palaſt gelangen. Während ſo mit dem Erſcheinen des Oreſt der Retter in der höchſten Not am nächſten iſt, wird uns doch die Heldin des Stückes gerade in dieſem Augenblicke in ihrem größten Elend dargeſtellt. Beim Empfang der Urne, welche ſie mit ſchweſterlicher Zärtlichkeit in ihr)e Arme nimmt, giebt ſie in ihrer Anrede an die vermeintlichen überreſte des Brudes ihrem tiefſten Jammer in den rührendſten Worten Ausdruck. In ergreifender Darſtellung, welche die verzweiflungsvolle Mut⸗ und Hoffnungsloſigkeit der Elektra uns ſchildert, hat es der Dichter verſtanden, unſere Teilnahme und Aufmerkſamkeit ſo in Anſpruch zu nehmen, daß wir Oreſt mit der Urne nicht für eine erſonnene Liſt anſehen und des leibhaftig auf der Bühne vor uns ſtehenden Oreſt faſt vergeſſen. Durch dieſe ſo wahrheitstreue Scene, in welcher