der Elektra und aus der dieſer von ihr gegebenen Antwort hervor. Da ſie ſich jetzt in voll⸗ kommener Sicherheit wiegt und in Gedanken im Vollgenuß des Glückes ſchwelgt, während alles bei ihr ſchön ſteht, liegt in ihren Worten und Gedanken doch wieder eine tragiſche Ironie. Kly⸗ tämneſtra wähnt nämlich, daß das Anrufen der Nemeſis von Seiten der Elektra nach dem Tode des Bruders fruchtlos ſei, während dagegen ſie ſelbſt durch den vermeintlichen Tod des Oreſt dem ihr ſtets drohenden Verderben entgehen werde. Da nun Oreſt nicht tot iſt, und die von Elektra angerufene Nemeſis ihn nicht hat ereilen können, ſo hat dieſe nach dem Ausſpruch der Klytämneſtra die gehört, welche ſie hören muß, und darunter iſt die Elektra zu verſtehen, indem der von ihr angerufenen Nemeſis die Mutter durch die Hand des Sohnes zum Opfer fallen ſoll. Daneben hat die Elektra unwiſſentlich nicht die Nemeſis des Bruders, weil dieſer ja nur vermeint⸗ lich tot war, ſondern des vorlängſt Verſtorbenen(ν Saνν τos d τ ος) angerufen, und ſo findet ihr Gebet wiederum, wenn auch in anderem Sinne als ſie gemeint hatte, Erhörung, indem die Nemeſis die Anrufung zugleich auf den ermordeten Vater bezieht und die Rache für dieſen be⸗ treiben hilft.
Elektra durch die Todesbotſchaft der höchſten Verzweiflung preisgegeben, da ſie ohne alle Ausſicht auf Erlöſung von dem Joche, das ihr die verhaßteſten aller Menſchen, die Mörder ihres Vaters ferner auferlegen würden, giebt den ſchmerzlichſten Klagen Ausdruck. Sie erklärt offen, daß das Leben ihr eine Laſt, der Tod dagegen erwünſcht ſei. Ohne jegliche Hoffnung auf Vergeltung für ihren Vater und auf Wiederherſtellung des königlichen Hauſes zu ſeinem alten Glanze, iſt ſie bereit, ihr Leben wegzuwerfen und draußen vor den Thoren des Palaſtes hinzuſchmachten. Da verſuchen die Jungfrauen des Chors, welche ihr ſtets teilnehmend zur Seite geſtanden ſind, ihr wieder ein tröſtendes Wort zuzurufen. Wie ſchon oben V. 174 dieſelben ihr Maßhaltigkeit in ihren Klagen und ruhige Ergebung in Zeus' Rathſchluß angeraten haben, ſo weiſen ſie auch hier wieder auf die Strafaufſicht des Zeus und des Helios hin.„Wo iſt denn, ſagen ſie, der blitzſchleudernde Zeus und der leuchtende Helios, wenn ſie ſolche Frevel mitanſehen und ruhig verborgen halten wollten“? Die letzteren Worte beziehen ſich nur auf Helios. Dieſe Äußerung des Chors bezeichnet aus⸗ drücklich, daß die genannten Gottheiten gar nicht vorhanden wären, wenn ſie die an Agamemnon und ſeinem Hauſe begangenen Frevel nicht beſtraften. Die Strafaufſicht und die damit verbundene Gerechtigkeit gelten als ſo weſentliche Eigenſchaften der Götter, daß, wenn ſie ſich nicht in der That offenbarten, man am Daſein der Götter und ſomit an allem Kultus irre werden müßte. Von Homer an durch das ganze Altertum hindurch klingt die Vorſtellung wieder: Wenn die Götter nicht ſtra⸗ fen, ſo exiſtieren ſie nicht, aber ſo gewiß ſie exiſtieren, ſo gewiß ſtrafen ſie.*) So wenig wie in der phyſiſchen Welt Zeus und Helios des ihnen von der Weltordnung zugewieſenen Amtes entraten können, ſo wenig in der moraliſchen. Auch in dieſer müſſen ſie mit Naturnotwendigkeit deſſelben walten. Der Chor ſpricht mit den obigen Worten der Elektra Troſt ein, daß Zeus und Helios ganz beſtimmt den Frevel an der Heiligkeit ihrer Ordnung heimſuchen würden, wenn alle ihre Hoffnung auf menſch⸗ liche Hülfe zur Errettung aus ihrer Not dahin ſei. In gleicher Weiſe ermutigt er ſie V. 174,
*) Nägelsbach nachhomer. Theol. p. 30 u. 31.


