bekannt die Todesnachricht als angenehme Kunde überbringt, welche als ſolche auch von Klytäm⸗ neſtra entgegengenommen und ihm dafür ein entſprechender Lohn verheißen wird. Der Gott hat, wie Klytämneſtra glaubt, ihr Gebet erhört, und jene Nachricht ſei die Antwort darauf. Es folgt nun auf der Bühne jene unvergleichliche Scene voll erſchütternder Wirkung, mit welcher der Um⸗ ſchwung in der Handlung ſich vorbereitet und wobei Klytämneſtras Charakter ſich wieder in einer Weiſe offenbart, daß die Vergeltung an ihr von der ethiſchen Seite betrachtet als gerechtfertigt erſcheint. Wohl ſelten ſind dem Zuſchauer ſo ergreifende Scenen auf der Bühne vorgeführt wor⸗ den, wie die erwähnte, welche beſonders die tragiſche Kunſt des Dichters und ſeine Meiſterſchaft in der Seelenmalerei glänzend bewährt. Welcher wunderbare Wechſel und raſche Übergang der Gefühle in der Bruſt der handelnden Perſonen! Auf der einen Seite erſcheint Elektra vom höchſten Schmerze der Verzweiflung ergriffen, unter dem ſie faſt zuſammenſinkt; auf der andern Klytäm⸗ neſtra, welche bis dahin von Angſt gefoltert nach einem kurzen Auflodern ihrer Mutternatur zu der Äußerung getrieben wird:
„O, Zeus, was iſt dies? Soll ich es Glück nennen, oder ſchrecklich aber Gewinn?
Es iſt doch traurig, wenn ich durch eigenes Misgeſchick mein Leben rette“ und„Mächtig iſt doch das Muttergefühl; denn auch nicht einmal, wenn man von ſeinen Kindern übel behandelt worden iſt, wird man vom Haß gegen ſie bewegt.“ Doch nur ganz flüchtig regen ſich die zarteren Ge⸗ fühle der mütterlichen Liebe in ihrer Bruſt. Nach dieſem raſchen Auf⸗ und Abwogen von Angſt und Betrübnis kommt ihr wahrer Charakter wieder zum Durchbruch, der ſich nunmehr, da plötzlich alle Gefahr beſeitigt iſt, in freudiger Aufregung kund giebt. Sie weiß ihre Freude nicht zu be⸗ herrſchen und nicht zufrieden mit der erfreulichen Botſchaft, ergeht ſie ſich in bitterem Hohne gegen Elektra über das unglückſelige Geſchick des Oreſt. Elektra, deren Trauer um den Vater bisher in lauten, mit dämoniſcher Gewalt hervorbrechenden Klagen ſich äußerte, wird zu ſanfter Wehmut herabgeſtimmt und fragt die Klytämneſtra unter Thränen, ob es denn ſchön ſei, daß die Mutter über das Unglück des Sohnes ſo übermütig frohlocke. Dieſe aber antwortet ihr:„Mit dir freilich ſteht es nicht ſchön(d. h. weil du nicht ſofort mit dem Bruder dahin gefahren biſt) mit Oreſt in ſeinem jetzigen Zuſtande ſteht es ſchön.“ Bei dieſer hier wieder von der Mutter zur Schau getragenen Geſinnung ruft Elektra die Nemeſis des Verſtorbenen an, was hier wiederum von ethiſcher Bedeutung iſt. Ein ohne ſeine Schuld Gemordeter oder ein mit Schmach behandelter Toter hatte ſeine Nemeſis, welcher das dieſen widerfahrene Unrecht zu rächen oblag. Klytämneſtra wendet den Namen Nemeſis in ihrem Sinne in Beziehung auf ihre Wünſche und Gebete an. In der Meinung, daß Apollo ihr Gebet erhört und das Verderben auf Oreſt habe zurückfallen laſſen, ſagt ſie mit freudigem Hohn zur Elektra:„Die Nemeſis“ hat die erhört, welche ſie erhören muß und hat die Sache zu einem ſchönen Ausgang geführt.“ Mit Nachdruck und wieder mit bitterem Hohne hebt ſie das Wort ax¼s aus der vorhergehenden Frage
—*) Der Begriff der Nemeſis gehört nicht dem herroiſchen Zeitalter an und iſt erſt zur Zeit der Perſer⸗ kriege entſtanden. Daß hier die Nemeſis genannt wird als Erhörerin des Gebets, welches an Apollo gerichtet war, darf nicht auffallen. Die Nemeſis, als Strafgottheit, vollzieht ſtatt Apollos die Strafe.


