Druckschrift 
2 (1885)
Entstehung
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Abwender des Unheils( ‿τροο, goorärns von ſeinen Schützlingen genannt), der gerade in ſolchen Fällen nach beängſtigenden Träumen um Abwehr der üblen Vorbedeutung angerufen wurde. Es iſt dies wiederum zu beachten und nicht ohne tragiſche Ironie, daß ſie gerade Erlöſung von ihrer Furcht vor dem zweideutigen Traumgeſicht und einen glücklichen Ausgang von dem Gotte begehrt, welcher die Rache gegen ſie wollte und betrieb; daneben durfte ihr auch nicht un⸗ bekannt ſein, daß der Sünder, auf dem noch eine ungeſühnte und unſühnbare Schuld laſte, keine Ausſicht auf Erhörung habe. Sie fleht nun, doch leiſe, um den Inhalt ihres Gebetes vor den Anweſenden zu verbergen, weil ſie um Unerhörtes bat, daß die ihr geſendeten Weiſſagungen für ſie zum Heile ausſchlagen möchten, daß ſie vereint mit ihren Freunden das Leben hinbringen möchte ungekränkt von ihren Feinden, und daß der Gott, wenn er ihre Bitte nicht erhören wolle, das Verderben auf jener Haupt zurückfallen ließe. Dieſe Feinde ſind aber keine anderen, als ihre eigenen Kinder, Oreſt und Elektra. Sie, die eigene Mutter, fleht alſo vom Apollo das Verderben auf das Haupt ihrer Kinder herab. Nachdem ſie bereits an dem Gatten, an der be⸗ ſtehenden Königsherrſchaft, an der Familie ſo unerhört gefrevelt, glaubte ſie nur um dieſen Preis, durch Beſeitigung der beiden Kinder im Verein mit Ägiſth ihr Leben, das ſie ſtets bedroht ſah, ſo lange noch ein Bluträcher vorhanden wäre, in Ruhe hinbringen zu können. Eine ſolche Mutter aber, welche um den Tod ihrer eigenen Kinder die Gottheit anfleht, verläugnet doch ihren mütter⸗ lichen Charakter durchaus und tritt damit aus dem mütterlichen Verhältnis zu ihren Kindern heraus, wie dies von der Elektra auch ausgeſprochen iſt.

Kaum hat Klytämneſtra, während Elektra im Hintergrunde ſtehen geblieben iſt, ihr Gebet vollendet, da naht ihr der alte Pädagog als Bote vom König Phanoteus aus Phokis, dem alten Gaſtfreunde des Ägiſth, mit der erdichteten Nachricht, daß der Gegenſtand ihrer beſtändigen Furcht, der Bluträcher Oreſt, nicht mehr am Leben ſei. Die ungeduldige Haſt der Klytämneſtra erkennend, Näheres über den Tod ihres Sohnes, damit ſie deſſen auch recht gewiß ſei, zu erfahren erzählt er ihr umſtändlich, daß derſelbe an den Pythiſchen Spielen beim Wagenrennen, ſchon des Sieges⸗ preiſes gewiß, nahe am Ziele durch einen traurigen Zufall vom Wagen geſchleudert und von den Roſſen zu Tode geſchleift worden ſei. In kunſtvoller lebendiger Darſtellung dieſes Wettkampfes läßt der Dichter den Oreſt im Glanze einer jugendlichen Heldengeſtalt erſcheinen, welche die Be⸗ wunderung aller Anweſenden erregte. Während der Tod eines ſolchen Sohnes und gerade durch einen ſo unglücklichen Zufall eine Mutter in um ſo tiefere Trauer verſetzen muß, iſt er vielmehr, wie wir im Folgenden ſehen, ein frohes Ereignis für Klytämneſtra, da Oreſt, ein Held in jugend⸗ licher Kraftfülle, gewiß bei ſeiner Rückkehr Anhang im Volke gefunden und günſtigen Erfolg bei einer Unternehmung zum Sturze des Thronräubers erzielt haben würde. So klammert ſich Kly⸗ tämneſtra in der Not ihres Herzens an den Trug an, durch den ſie bald ihr Verderben finden ſollte. Denn der Trug, welchen Apollo zur Ausführung der Rache angegeben hatte, beſtand in dieſer erdichteten Todesnachricht und in der bald darauf erfolgten Überbringung der Urne durch Oreſt, welche angeblich ſeine eigene Aſche enthielt. Es iſt eine vortreffliche Erfindung des Dichters, daß der Bote die Frauen beide auf der Bühne trifft und mit den Herzenswünſchen der Herrſcher

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