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Es unterliegt nach dem geſagten keinem Zweifel, daß Agamemnon ſelbſt verlangte, ſeine Hinter⸗ bliebenen ſollten Vergeltung für ſeine Ermordung an den Thätern üben, und er mahnt daran durch Sendung des Traumgeſichts. Auch der Chor, der ja die öffentliche Meinung vertritt und im Glauben des Volkes ſteht, iſt der feſten Überzeugung, daß die Dike gerechten Sieg in den Händen in nicht mehr langer Zeit die Mörder zur Strafe ziehen werde. Er hege Zuverſicht, nachdem er das ſo ſüß wehende(d. h. vom Munde der Chryſothemis her lieblich tönende) Traumgeſicht ver⸗ nommen habe, in welchem nach ſeiner Meinung die Göttin Dike ſich offenbarte. Denn nie werde der Vater Agamemnon, der hier mit beſonderem Nachdruck, um den Frevel an ſeiner Perſon um ſo ſchwerer erſcheinen zu laſſen, Herrſcher der Hellenen genannt wird, noch die erzgeſchmiedete Doppel⸗ axt, die ihn im ſchmachvollſten Frevel hinſchlachtete— der Art wird poetiſch Bewußtſein beige⸗ legt— die blutige That in Vergeſſenheit verſinken laſſen.
Iſt es hier zunächſt die Dike die Beiſitzerin und Stellvertreterin des Zeus, ſo iſt es dann die Erinys, die in furchtbarem Hinterhalte lauernd raſch und ſicher(Xaxæòrous aa τπνννανκ) die Miſſethäter ereilen und bewältigen wird.„Denn widerrechtliche und ſchamloſe Gier“, fährt der Chor fort,„befiel die Mörder nach mordbefleckter Ehe. Das nächtliche Traumgeſicht wird ent⸗ weder eine glückliche Vorbedeutung ſein— freilich nicht für die Mörder— oder Weiſſagungen für Sterbliche in ſchreckhaften Träumen oder Cötterausſprüchen ſind nicht mehr vorhanden.“
Der Chor ſpricht hier wieder deutlich aus, daß jener mordbefleckte, Gottes Ordnung ent⸗ weihende Ehebund, nicht die Liebe zu ihrer Tochter Iphigenia, um deren Opferung zu rächen, die Klytämneſtra zum Gattenmorde getrieben habe. Die auf Gattenmord gegründete und dadurch unheilige Ehe iſt nach der Anſicht des Chors das, was das verbrecheriſche Paar den Rachegöttinnen entgegenführte. In den obigen wie den davor angeführten Worten, wo von der Erinys die Rede iſt, kann doch kein Miß⸗ verſtändnis obwalten, daß ſowohl der Chor auf Seiten Elektras und Oreſts ſtehe, als auch daß der Angriff der Erinys auf die Miſſethäter, nicht auf Oreſt ſich beziehe. Es iſt dies hier hervor⸗ zuheben, weil eine neuere Erklärung, auf die ich unten zurückkommen werde, dem Dichter in der Schlußſcene eine Inconſequenz in dem Verhalten des Chores zuſchreibt.
Nach dieſer Ahnung des Chors, daß die Vergeltung drohe und aus ihrer grauenvollen Verborgenheit heranſchreite, tritt Klytämneſtra aus dem Palaſt heraus, noch in voller Aufregung ob des Unheil drohenden Traumgeſichts, um gerade dem Gotte ein Opfer darzubringen und ihn um Hülfe anzuflehen, der doch die Rache gegen ſie betrieb und dem Oreſt genau im Einzelnen angegeben hatte, wie er die Vergeltung ausführen ſolle. Doch bevor ſie ſich von der Dienerin die Opferſpenden reichen läßt, trifft ſie mit Elektra vor dem Palaſt zuſammen, die von ihr mit Vorwürfen überhäuft wird, daß ſie da wieder ſo ſich vor dem Hauſe herumtreibe, um den Leuten ihr Leid darüber zu klagen, daß ſie von der Mutter, welche ihr den Vater erſchlagen, ſo viel zu leiden habe. Sie wundert ſich, wie nur Elektra um den Vater ſo unaufhörlich wehklagen könne, der ihr doch die Schweſter geopfert habe und noch dazu ſeinem Bruder, dem Könige Menelaus zu Gefallen, der ja doch ſeine eigene Tochter zum Opfer hätte hergeben können. Für dieſe Tötung der Tochter ſei es der Gerechtigkeit gemäß geweſen, am Vater Rache zu üben, und an dieſon habe ſie


