— 10—
und vom Hades aus auf die Oberwelt wirken kann. So hat er denn aus Liebe zu ſeinen Kindern Abneigung gegen ſeine Mörder bewahrt, woraus folgt, daß jede Annäherung der letzteren zu ſeinem Grabe ihn verletzen und zur Rache antreiben mußte. Dies zeigt ſich in dem Traumbild, welches der Klytämneſtra in der Nacht vor dem Tage, an welchem ſie die Rache traf, zugeſendet worden war. Sie ſah(V. 410— 418) Agamemnon, wie er auf die Oberwelt zurückgekehrt an dem häus⸗ lichen Herde im königlichen Palaſte ſein Scepter aufgepflanzt hatte, aus welchem ein Zweig her⸗ vorſproßte, der das ganze Mykenäerland überſchattete. Eine bange Ahnung ſagt ihr, woher dies Traumgeſicht ſtamme, und es ſcheint eine unheilvolle Vorbedeutung zu verkünden; daher fordert ſie ihre Tochter Chryſothemis auf, mit Spenden dem Grabe des Königs zu nahen, um den Abge⸗ ſchiedenen zu verſöhnen. Auf dem Wege dahin begegnete Chryſothemis ihrer Schweſter Elektra, welche auf die Frage nach dem Zwecke des Weges die Abſicht der Mutter erfährt und nun ent⸗ ſchieden die Grabesſpende nicht nur zu unterlaſſen, ſondern ſogar mit Erde zu bedecken anrät, damit nicht die geringſte Spur davon an den Toten gelange, da das Opfer von der Mörderhand der Mutter ſtammend nur geeignet ſei, den Toten zu kränken. Indem die Schweſter Folge leiſtet, fordert Elektra ſie auf, mit ihr jetzt vielmehr dem Vater, dem liebſten aller Toten im Schatten⸗ reiche, eine ganz ſchmuckloſe Locke und ihren ohne Luxus prunkenden Gürtel, denn in ihrer Dürf⸗ tigkeit habe ſie ja weiter nichts, das ſie opfern könne, auf dem Grabe des Vaters niederzulegen; das werde ihnen erſprießlich ſein. Dagegen ſollte ſie auf den Knieen den Vater anflehen, er möge aus dem Grabe ihnen als wohlwollender Beiſtand gegen ihre Feinde einziehen und Oreſtes den Fuß ſiegesfroh auf deren Leichen ſetzen laſſen. Wie der freventlich Ermordete ganz ent⸗ ſchieden von ſeinen Hinterbliebenen die Blutrache verlangte, ſo erwarteten auch dieſe von dem Verſtorbenen, gerade wenn ſie deſſen Grabe nahe waren, Beiſtand in ihrem Unternehmen. An verſchiedenen Stellen in der Attiſchen Tragödie ſprechen die Perſonen dieſe Erwartung aus, und dieſe Vorſtellung war bis in das folgende Jahrhundert herrſchend, und auch in Eur. Elektra V. 683 ff. ed. Matthiä wird der im Grabe ruhende Agamemnon von Oreſt als Helfer beim Rachewerk angerufen.*) Wie allgemein der Glaube auch im folgenden Jahrhundert war an die Verbindung der Verſtor⸗ benen mit der Oberwelt und deren höhere Macht, welche ſie auf irdiſche Verhältniſſe ausübten, namentlich wenn der Tod ein gewaltſamer geweſen war, ſpricht, von anderen Zeugniſſen abge⸗ ſehen, Plato aus im neunten Buche der Geſetze(865 d.) Es heißt dort, daß der Zorn des Er⸗ mordeten teils den Mörder oder unter Umſtänden den Angehörigen verfolgte, wenn dieſer die Verpflichtung an jenem Rache zu nehmen verabſäumte, teils ſich an den Ort des Mordes heftete.
*) Die Stelle lautet in der Überſ. von Donner:
Du, der ſo ſchmachvoll hingewürgt im Grabe wohnt, Hilf, Vater, hilf den Kindern, die du ſo geliebt! Komm, nimm zu Bundesgenoſſen all die Toten dir, Die dir vereinigt Troas einſt eroberten, Und die dem Frevler zürnen, den ein Mord befleckt! Hörſt Du's, an dem ſo Grauſes meine Mutter that?
Vgl. auch. Aesch. Choeph v. 134—148 und 457— 461. Eur. Hel. V. 64 u. 962.


