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weil er zu ihrem Charakter gehöre, ſondern auch als ſeine eigene Anſicht, um die Idee der Ge⸗ rechtigkeit daran zu offenbaren. Vollſtrecker und Hüter dieſer Gerechtigkeit war, wie wir bereits wiſſen, Zeus, deſſen ſorgſamem Walten mit Zuverſicht und Vertrauen ſich hinzugeben, Elektra vom Chore mit liebevollen Worten ermahnt worden iſt.
Dieſe vertrauensvolle Hingabe an die Gerechtigkeit des höchſten Gottes, welchem die Sühne für das verletzte Weltgeſetz anheimgeſtellt werden ſoll und die dadurch bedingte Führung der Ge⸗ ſchicke des ſo tief gebeugten königlichen Hauſes zu endlichem glücklichen Ausgang, iſt der Angel⸗ punkt, um welchen unſer Drama ſich bewegt. Zwar erſcheint Zeus nicht ſelbſt als Vollſtrecker und Hüter der Gerechtigkeit; es iſt dies, wie auch ſonſt, ſein Stellvertreter Apollo, der dieſes Amtes wartet, neben anderen Gottheiten, dem Hermes, Ares, der Dike, den Erinyen und einigen andern als göttliche Weſen gedachten Abſtraktionen. Apollo ſehen wir vorzugsweiſe in unſerer Tragödie in ſeiner Eigenſchaft als ſtrafenden und rächenden Gott. Vom Anfang an bis zum Ende iſt er der Hort der Gerechtigkeit und der Vollſtrecker der Rache. Denn er gerade hat Oreſt ge⸗ trieben, die Rache an den Mördern ſeines Vaters zu vollziehen, und er führt durch denſelben unter Leitung und Einwirkung anderer göttlichen Weſen das Vergeltungswerk zu glücklicher Vollendung.
Sehen wir ſo die Vergeltung für Agamemnons Ermordung von den Gottheiten be⸗ trieben, welche nach ihrem Berufe dabei eingreifen konnten, dann müſſen wir ſie auch als eine von den Göttern gebilligte und geradezu gewollte anſehen.
Aber nicht nur die Götter und göttlichen Weſen liehen zur Wiederherſtellung der freventlich verletzten Weltordnung ihren Beiſtand, ſondern auch die Toten in der Unterwelt, welchen der all⸗ gemeine Glaube der nachhomeriſchen bis in die ſpätere Zeit einen fortwährenden Zuſammenhang mit den Hinterbliebenen zuſchrieb. Je nachdem den Toten Geringſchätzung entgegengebracht oder Ehre erwieſen wurde, ſo berührte ſie dies ſchmerzlich oder angenehm; wie man daher einerſeits ſie zu ſchmähen vermied, ſo bemühte man ſich andererſeits durch gewiſſe Ceremonien ſie zu erfreuen und war beſtrebt ihren Willen gewiſſenhaft zu erfüllen. Auch Agamemnon war in der Unter⸗ welt in ſteter Verbindung mit der Oberwelt geblieben und hatte die Rache an ſeinen Mördern betreiben helfen. Gegen ſie hatte er bei ſeiner Ermordung den Rachefluch ausgeſtoßen d. h. er hatte unter Anrufung der Apa, der perſönlich gedachten Fluchgottheit, an die Götter das Gebet(A9& bedeutet eigentlich Gebet) um Beſtrafung der Mörder gerichtet. Der Ermordete hatte hierdurch für ſeine Angehörigen den Wunſch ausgeſprochen, ihm für den erlittenen Frevel Sühne zu teil⸗ werden zu laſſen, deren Gewährung ihnen heiligſte Pflicht war, deren Unterlaſſung ein ſchweres Vergehen gegen den Verſtorbenen geweſen ſein würde. Es war alſo eine unabweisbare Notwen⸗ digkeit, dieſe heiligſte Pflicht zu erfüllen und ſollte dadurch auch ein Conflikt der entſetzlichſten Art, wie hier, hervorgerufen werden, da der Erbe der Blutrache dieſe an der eigenen Mutter zu vollziehen verpflichtet war.
Wie bei Äſchylus in den Choephoren an verſchiedenen Stellen, ſo gilt bei Sophokles Agamemnon in der Unterwelt als ein ſelbſtbewußtes Weſen(Elektra 456), das Gebete erhören 2


