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Zerrüttung des königlichen Hauſes, Verdrängung des berechtigten Thronerben und die Zurückführung der unſprünglichen Ordnung. cf. V. 67 u. 1470.
Nach der Sophokleiſchen Auffaſſung ſoll der Mörder nicht mehr ſchlechtweg die Blut⸗ rache erleiden, dem Frevel ſollte eine Vergeltung, dem Verbrechen eine Sühne zu Teil werden, wodurch die am Morde beteiligten ſowohl, wie deren Angehörige und der Ort der Unthat von der Blutſchuld gereinigt werden, wie dies Oreſt V. 70 andeutet, daß er dem väterlichen Hauſe in gerechter Weiſe als Sühner erſchienen ſei. Die ſo ſchmachvoll niedergetretenen Familienverhältniſſe des königlichen Hauſes waren es, nicht berechnete Rachſucht im Verein mit unkindlicher Geſinnung, nicht Eigennutz, aus denen das feindſelige Verhältnis der Tochter zur Mutter hervorge⸗ gangen iſt. Hierauf wie andererſeits auf der hohen Pietät gegen den Vater und die Gottheit beruht das Pathos der Jungfrau, welches ſie wie eine religiöſe Pflicht mit dämoniſcher Gewalt treibt, für die verletzte Ordnung in die Schranken zu treten.
Für dieſe innige Liebe zum Vater und das unabläſſige Streben ihm, wie ſeiner ſo ſchmachvoll unter dem neuen Herrſcherpaare leidenden Familie, Vergeltung zu verſchaffen, ſpendet der Chor ihr V. 1081, welcher die allgemeine Meinung vertritt, die höchſten Lobſprüche:„Du trägſt den doppelten Ruhm davon, eines edlen Vaters weiſe und gute Tochter zu heißen. In der Frömmigkeit gegen Zeus haſt du das Höchſte nach dem Geſetze d. h. nach den allgemeinen Glaubensſatzungen, erreicht.“ Dieſe Frömmigkeit(evoeua) welche bedingt iſt durch die.ρφμ̈ ⸗oden, die Sittlichkeit als weiſe Selbſtbeſchränkung, beruht auf der vertrauensvollen Hingebung in die göttliche Leitung und Fügung. Wenn nun Elektra durch ihre Liebe zum Vater, welche zugleich als Frömmig⸗ keit gegen Zeus, mit welchem ſie ſich hierdurch im Einklang weiß,bezeichnet wird, des höchſten Ruhmes würdig iſt, dann müſſen wir wohl in den oberen Ausſpruch des Chors einſtimmen, der dagegen die Chryſothemis V. 1058 ff. als lieb⸗ und rückſichtslos gegen ihren Vater tadelt, da ſie dieſem die früher empfangene Liebe und Pflege zu vergelten vergeſſen; doch werde die göttliche Strafe den treffen, der die heilige Pflicht der Pietät unterlaſſe. Die Schweſter Chryſothemis nämlich, auf welche die Worte des Chors ſich beziehen, iſt nicht wie Elektra eine Heldenjungfrau, welche ſich über die engen alltäglichen Verhältniſſe hinaus zu der hochherzigen Denkungsart ihrer Schweſter, einzig um den höchſten Rückſichten des Lebens zu genügen, zu erheben vermocht hätte. Sie offen⸗ baret einen ächt weiblichen Charakter von ſanfter und nicht unedler Art, aber zu ſchwach unter den obwaltenden Umſtänden ihrer betrübten Lage entgegenzutreten, teils zu lebensklug und zu zaghaft, um nicht durch Anſtoß bei dem Herrſcherpaare ihre behagliche Lebenslage zu ſtören, hält ſie es für gerathen mit eingezogenen Segeln zu fahren. Wie der Antigone die Ismene, hat der Dichter die Chryſothemis der Elektra an die Seite geſtellt, damit dieſer Nebenfigur von alltäglichem Schlage gegenüber der heldenmüthige Charakter der Elektra in ſeiner ſelbſtbewußten, thatkräftigen Handlungsweiſe um ſo ſchärfer hervortrete. Gleichwohl erkennt ſie(V. 338) nicht das für Recht, was ſie aus Lebensklugheit auch der Elektra angerathen habe, ſondern die Handlungsweiſe dieſer und ſie würde mit ihr auch gemeinſam den Vergeltungsplan ausführen helfen, wenn ſie die Macht dazu hätte. Dieſen Gedanken hat ihr der Dichter nicht blos deshalb in den Mund gelegt,


