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2 (1885)
Entstehung
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und zu der Mutter in eine feindſelige Spannung zu verſetzen, ſo wird dennoch die Tochter als unbarmherzig, lieblos und grauſam verurteilt, ohne daß die andere Seite des Charakters dabei berückſichtigt würde. Eben ſo gut könnte man auch die zärtliche Liebe der Elektra zu Vater und Bruder ſowie die hierdurch bewieſene Pietät gegen Zeus einſeitig ins Auge faſſen; dann würde ihr, wie es der Chor auch ausgeſprochen hat, der Siegespreis der Pietät gebühren.

Sie will daher auch nicht von ihrer Klage ablaſſen, da ſie ja die einzige ſei, welche ihren Vater durch ſolche ehrte, zumal ihm nicht in feindlichem Lande der Tod als Gaſtgeſchenk vom blutigen Ares zu Teil geworden ſei, ſondern die eigene Gattin nebſt ihrem feigen Genoſſen habe ihm mit dem Mordbeil das Haupt zerſpalten. Der Conflict, der ſich im Inneren der Elektra vollzieht und vom Dichter an ihr zur Darſtellung gebracht wird, iſt nicht als eine Erſcheinung der in jedem Menſchen wirkenden Kräfte und Urſachen anzuſehen, ſondern als das Wirken höherer Gewalten. Der Menſch wurde nur als das Medium betrachtet, in welchem die höheren Gewalten ſich trafen und zur Erſcheinung kamen. Die Gottheit nun, welche in dem vorliegenden Conflict die Sache der Gerechtigkeit überwacht und beſchützt, iſt Zeus oder deſſen Stellvertreter Apollo. Kamen nun überhaupt in jenem Jahrhundert des Sophokles Fälle von Blutrache noch ſehr ſelten vor, da ja der Areopag den Mörder vor ſein Forum zog, ſo waren mit der vorgeſchrittenen Cultur und Humanität auch in Beziehung auf die heroiſche Zeit die Anſichten über die Blutrache gemildert worden, namentlich bei Sophkles und Euripides. An die Stelle des rohen Wiedervergeltungs⸗ rechtes, das ohne jede andere Rückſicht Blut um Blut fordert, war bei Sophokles das ſittliche Bewußtſein getreten, das in dem unbedingten Vertrauen auf Zeus, dem Hort der ewigen Gerech⸗ tigkeit, aufgeht. Im Vertrauen auf dieſe Gerechtigkeit, das ſie erfüllt und unwiderſtehlich zum Handeln treibt, hält ſich Elektra für verpflichtet, wenn anders ſie nicht bei Zeus' Gerechtigkeit an⸗ ſtoßen will, ihrem Vater durch die Vermittelung der Götter unter Leitung des Zeus Sühne zu gewähren.

Dieſes ſittliche Bewußtſein, welches ſich mit der göttlichen Gerechtigkeit im Einklang fühlte und auf natürlicher Grundlage allmählich zu dieſem ideellen Standpunkte ſich erhoben hatte, war alſo die Triebfeder die an dem Vater begangene Unthat zu vergelten.

Dieſe Anſchauungen, welche Elektra beſeelen, ſind nicht wie in einem modernen tragiſchen Helden durch Reflexion über das Geſchehene in ihrer Bruſt erwacht und weiter gereift, ſondern von außen an ſie herangebracht. Alles menſchliche Dichten und Trachten geſchah nicht ohne die Gottheit, es warin allem Zeus und allein Zeus.

Wenn auch der Dichter die Handlung in das mythiſche Zeitalter verlegt, ſo teilt er dem⸗ ſelben doch nach dem Standpunkte ſeiner Zeit ſeine milderen, ideelleren Anſichten über die Blut⸗ rache mit, welche mit der göttlichen Gerechtigkeit zuſammenfloſſen. Der Dichter wollte außerdem in unſerer Tragödie nicht blos die Blutrache, oder die Wiedervergeltung zur Darſtellung bringen, ſondern auch ſeine tieferen Vorſtellungen von der ſittlichen Ordnung und Wiederherſtellung, die