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Gegenſtande. Bei AÄſchylus wie bei Sophokles erſcheint Oreſt als der natürliche Erbe der Blut⸗ rache, zu der er als Sohn verpflichtet iſt. In der Äſchyliſchen Dichtung, wo noch der Grundſatz gilt:„Für blutigen Mord zahle blutigen Mord! Der Thäter muß leiden; ſo kündet der uralt heilige Spruch!“ ähnlich dem altteſtamentlichen:„Auge um Auge, Blut um Blut“, handelt es ſich ſchlechtweg um die Wiedervergeltung des Mordes durch Mord, ohne jegliche ideelle Beziehung. Jedoch iſt der Übergang des alten Naturrechts, der alten traditionellen Satzungen, welche die Erinyen vertreten, und welche nicht mehr vor dem durch die ſteigende Humanität ge⸗ milderten menſchlichen Recht, als deſſen Repräſentant Apollo erſcheint, zu beſtehen vermögen, in den Eumeniden zur Darſtellung gebracht.
In dem Sophokleiſchen Drama iſt die Hauptheldin Elektra, welche von Anfang bis zu Ende des Stückes auf der Bühne erſcheint. Sie als der intellektuelle Urheber der Vergeltung für die Ermordung ihres Vaters ſteht im Vordergrund, während die männlichen Perſonen nur als Werkzeuge der Rache erſcheinen.
Beim Beginn des Stückes mit Tagesanbruch treten Oreſt und ſein Pädagoge, welcher die Ortlichkeiten im Mykenä genau kennt, auf der Bühne auf. Oreſt macht dem Pädagogen die bedeutungsvolle Eröffnung, daß er nach der Weiſung des delphiſchen Gottes(nicht auf deſſen Befehl noch auch unter deſſen furchtbaren Drohungen wie bei Äſchylus) heimlich mit eigener Hand ohne beſchildetes Heer die Rache ausführen werde;„Du mein väterliches Land“, fährt er fort, und ihr einheimiſchen Götter, empfanget mich erfolgreich auf dieſem Wege. Denn im Verein mit der Gerechtigkeit erſcheine ich zu eurer Sühne auf Antrieb der Götter“. Die Götter ſind es alſo, welche die Vergeltung betreiben.
Iſt nun auch, wie wohl anzunehmen iſt, die Elektra nach der Abſicht des Dichters das Organ, durch das er ſeine ſittlich⸗religiöſen Anſichten ausſprechen läßt, ſo fragt es ſich, ob der Dichter, an deſſen Poeſie das ſchöne Ebenmaß als charakteriſtiſcher Zug hervorgehoben wird, in der Darſtellung des Charakters der Elektra in das Gebiet der Gefühlloſigkeit und unkindlichen Grauſamkeit hinüber ſchweife. Man dürfte dies auch dann nicht zugeſtehen, wenn die Elektra ihren Charakter nur nach dieſer einen Seite hin offenbarte. Der Dichter hat ihn eben nur bis an die Grenze geführt, wo jene Eigenſchaften beginnen. Schroff tritt allerdings Elektra nach der einen Seite hin auf. Voller Entrüſtung ſteht ſie da gegen Klytämneſtra und ihren Buhlen Ägiſth. Sie hat mit anſehen müſſen, wie durch die Mutter ein mehrfacher Frevel gegen das göttliche Naturrecht begangen war: durch den Gattenmord, das ehebrecheriſche Verhältnis mit Ägiſth, Lieb⸗ loſigkeit gegen die Kinder, Vernichtung des Glanzes des alten Herrſcherhauſes, wozu dann noch kam, daß vor ihren Augen der Todestag ihres königlichen Vaters zu einem monatlichen Feſttag erhoben wie zum Hohne mit Opfern und Gaſtmählern feierlich begangen wurde.
Zu dieſem empörenden Schauſpiele geſellte ſich der Anblick Ägiſths in des Königs Klei⸗ dung und daß ſie, die Tochter des Heldeskönigs Agamemnon, von ihrer Mutter und dem feigen Ägiſth zur Sklavin nebſt der bei dieſem Stande üblichen, einer königlichen Prinzeſſin unwürdigen, Behandlung erniedrigt wurde. Waren dies der Gründe genug, um Elektras Gemüt zu verbittern


