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Willen machen und als unabweislich zu befolgendes Geſetz anerkennen. Wir haben daher in ihnen nicht frei für ſich daſtehende Perſönlichkeiten vor uns, welche in ihrem Handeln nur ihr eigenes Intereſſe darſtellen und aus ſich entwickeln, als vielmehr den individualiſirten Ausdruck der allgemeinen ſittlichen Ordnung, welche ſie vertreten und die ihre Handlung beſtimmen. Dieſe ideellen Mächte der ſittlichen Ordnung ſind es, für welche Antigone in den Tod geht, Elektra alle Schmach ſtandſtaft erduldet und die Blutrache an der eigenen Mutter ins Werk ſetzt, jene aus der älteſten Naturanſchauung entſtandenen Geſetze, über deren Aufrechthaltung als eines Teiles der Weltordnung die Gottheit ſtrenge Aufſicht hielt.
Dieſe Anſchauung iſt das Pathos des Dichters und mit ihm beſeelt er auch die dra⸗ matiſchen Perſonen, welche ſeine Phantaſie als Organe für die Darſtellung der Unverletzlichkeit des traditionellen Rechts geſchaffen hat, um dieſe Ideen ſeinen Zeitgenoſſen eindringlich vor die Seele zu führen.
Durch die göttliche Weltordnung war neben anderen unverletzlichen Satzungen beſonders die Heiligkeit und Unverletzlichkeit der Ehe ſo wie der Familie in den Vordergrund geſtellt. Auf der Vereinigung und Gemeinſchaft vieler Familien und deren Wohlergehen beruhte die Erhaltung und das Gedeihen des Staates, weßhalb die Eintracht und Liebe der Familienglieder unter ein⸗ ander unter der beſonderen Aufſicht des Zeus ſtanden. Die Liebe beider Geſchlechter, von Mann und Frau zu einander, galt aber den Griechen nur als phyſiſcher, nicht als höherer ſittlicher Zu⸗ ſtand. Als ſittliche Ordnung, daher als reinere und höhere Liebe galt ihnen diejenige, welche die einzelnen Familienglieder, die Geſchwiſter unter einander, die Eltern mit den Kindern und umge, kehrt, mit einander verband. Auf dieſem Familienverhältnis beruhte die Familienpietät, ein Ver⸗ hältnis, in welchem der Grieche die Beſtimmung und das eigentliche Element des Weibes ſah, welches auch mit dem Gatten nicht blos eine natürliche(geſchlechtliche) ſondern auch eine ethiſche Verbindung eingeht.
In der Tragödie, welche uns hier näher beſchäftigt, iſt das Verhältnis zwiſchen den einzelnen Familiengliedern gezeichnet und zwar wie es als Pietät einerſeits erſcheint, welche an derſelben Perſon eben wieder aus Pietät als Haß gegen die Feinde derſelben erſcheint. Gerade in dieſem Drama hat das Verhalten der Hauptheldin des Stückes, der Elektra, gegen ihre Mutter Klytäm⸗ neſtra durch die unliebſamen Äußerungen gegen dieſelbe wie durch das angelegentliche Betreiben und die unabläſſige Aufmunterung des Bruders Oreſt zur Ausführung der Vergeltung an der eigenen Mutter, bei ſachkundigen Beurteilern ethiſche und äſthetiſche Bedenken hervorgerufen. Die⸗ ſelben ſind auf S. 11 im erſten Teile dieſer Abhandlung angeführt. Wir halten die Urteile dieſer Männer dem Sophokleiſchen Standpunkte nicht entſprechend und rein von moderner Ghrittlich⸗ſitt⸗ licher Anſchauung eingegeben. Nach der ſittlich⸗religiöſen Anſchauung der Griechen jedoch muß das Urteil anders lauten.
In der Elektra, wie dies aus deutlichen Spuren hervorgeht, liegt eine Nacharbeitung der Äſchyliſchen Trilogie, der Oreſtee, vor, welche Sophokles zu einer einzigen Tragödie verar⸗ beitet hat. Beide Dichtungen haben die Blutrache wegen der Ermordung der Agamemnon zum


