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Betrachtung ausgeſchloſſen geweſen, ſo wurden beide Gegenſtand der philoſophiſchen Forſchung und der Menſch zum Maaß aller Dinge. Es wurde auf dieſem Wege eine klarere Einſicht in die Bedeutung des Ich gewonnen und das hierauf beruhende größere Vertrauen auf die Sub⸗ jectivität bewirkte, daß der Menſch mit ſeiner Freiheit in den Vordergrund, die Gottheit dagegen in weitere Ferne gerückt wurde. Bei Sophokles zeigt ſich dies in noch höherem Grade als bei Äſchylus, indem bei ihm die Perſonen aus ihrer Subjectivität heraustreten und nach den ſie be⸗ ſtimmenden ethiſchen Mächten handeln. Die Wirkung des Dramas beruht nunmehr auf dem Widerſtreit der letzteren unter einander, auf dem Widerſpruch dieſer mit dem alten Naturgeſetz, zwiſchen dem Glauben und dem grübelnden Verſtande, zwiſchen dem Geiſte der Neuerung und der Vorliebe fürs Alte. Dieſe letztere negative Seite der religiöſen Verhältniſſe hat ohne Zweifel beſtimmend auf Sophokles eingewirkt. Bei dem Hereinbrechen des Unglaubens waren es gerade die alten ethiſchen Satzungen, die Heiligkeit beſtimmter Lebensverhältniſſe und Pflichten, welche durch die Tradition als göttliches Geſetz geheiligt nun in Frage geſtellt wurden. Sophokles, als der vorzugsweiſe fromme Dichter, der ja ſtets die den Göttern ſchuldige Ehrfurcht, die unbedingte Ergebung in ihre Fügungen, die Heiligkeit der Eide und den Glauben an die Orakel ſeinen Zeit⸗ genoſſen mit tiefem Ernſte in Erinnerung brachte, ſuchte hier die tiefe Kluft zwiſchen dem alten und neuen Glauben wieder auszufüllen. Jene alten ethiſchen Probleme galten ihm dem göttlichen Willen gleich, welcher ſich hierin offenbare; daher forderte er Übereinſtimmung des Lebens mit dieſem göttlichen Willen, und jedes tragiſche Unglück erſchien ihm als ein Verkennen dieſes Willens.
Bei ihm wie auch bei Aſchylus erſcheinen nun zwar die dramatiſchen Perſonen als frei ſich beſtimmende und für ihre Handlungen verantwortliche Weſen, allein die aus der Ferne waltende Gottheit behält die Fäden in der Hand, woran ſie die Handlungen derſelben lenkt. Freiheit und Nothwendigkeit ſind nach griechiſcher Anſchauung die beiden Pole, um welche ſich das menſchliche Leben und auf der Bühne die tragiſchen Handlungen ſich bewegen, eine Eigenthümlichkeit, wodurch jene ſich wieder von den der modernen tragiſchen Bühne unterſcheiden. Ich komme weiter unten nochmals hierauf zurück. Dieſe beiden die tragiſche Handlung bewegenden Momente haben ihren Grund in der oben angedeuteten Entwickelung der ethiſchen Idee auf natürlich⸗religiöſer Baſis, und ihren urſprünglichen Charakter bewahrte dieſe Idee auch, als ſie ſich ideell zu geſtalten begonnen hatte. Die tragiſchen Charaktere die ethiſche Idee als Ausdruck der allgemeinen göttlichen Not⸗ wendigkeit und deren ewige Wahrheit an ſich offenbarend, werden von ihr, als ihrem Lebenselement, das ihr Pathos ausmacht, in welchem ſie aufgehen, unwiderſtehlich beherrſcht. Eine ſolche das Gemüt beherrſchende Macht war nötig, um bei Verletzung der ſittlichen Grundlagen des Lebens in den hiervon betroffenen den Gedanken der Vergeltung wachzurufen in einer Zeit, wo die Staats⸗ geſetze die Beſtrafung von Freveln an der Heiligkeit privater Ordnungen noch nicht vor ihren Richterſtuhl zogen.
Während nun die dramatiſchen Charaktere aus freiem Antriebe handeln und ſich gegen⸗ ſeitig beſtimmen, obgleich Sophokles nicht überall ſich von der Vorſtellung eines unvermeidlichen Verhängniſſes frei zu halten vermag, ſo vermögen ſie doch ihre individuelle Freiheit nur in ſo weit zu bethätigen, als ſie den als ſittliche Ordnung waltenden göttlichen Willen zu ihrem eignen


