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2 (1885)
Entstehung
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Götter mit der Menſchenwelt aus unmittelbarer Nähe ſtattfand, wurde im Laufe der Zeit der unmittelbare Zuſammenhang der Cötter⸗ mit der Menſchenwelt mehr und mehr gelockert und es trat eine größere Schranke zwiſchen der Gottheit und den Menſchen ein. Dieſer Vorſtellung gegenüber konnte ſich auch das alte Naturrecht in ſeiner objectiven Starrheit, wie es in den Erinyen repräſentiert erſcheint und gleich einem bewußtloſem Naturgeſetz unabwendbar ſein Ziel verfolgt, nicht behaupten. Die ſittliche Vorſtellung, welche in dem beſtimmten Bewußtſein wurzelte, daß die göttliche Ordnung verletzt ſei und die göttliche Gerechtigkeit zu deren Wiederherſtellung die Beſtrafung des Frevels fordere, trat in den Vordergrund. Es war nicht mehr das reine rohe Wiedervergeltungsrecht, wonach es hieß:Für blutigen Mord gieb blutigen Mord! Die Naturmacht war in das ſittliche Bewußtſein getreten, welches letztere jedoch ſeine Abſtam⸗ mung von jener nicht verleugnen konnte und in der Naturanſchauung noch befangen blieb. Dies erhellt auch daraus, daß, da die Griechen phyſiſche und ethiſche Verhältniſſe als auf derſelben Grundlage erwachſen anſahen, bei ihnen Geiſt und Natur noch in ungeſchiedener Einheit beſtan⸗ den. Daher wurde bei ihnen Beſonnenheit(poveiv, eb ꝓgovesy, 6ς) als Geſundheit, das Gegenteil ur Ppovesy als Krankheit ſowohl von Dichtern als Proſaikern angeſehen und mußte mit äußeren Mitteln als einer Art Arznei entfernt werden. Hierher gehört beſonders die Reinigung durch Waſſer, indem man die Sünde als einen anſteckenden Stoff an⸗ ſah, der an dem Sünder und an dem Orte der Frevelthat haftete. So ſagt der Chor in den Grabesſpenderinnen V. 75 ff:

und ſtrömten alle Ström' auf einer Bahn Vereint, mordrother Hände Fluch Hinwegzuſpülen: ſtrömten all' umſonſt daher.*)

Während bei Äſchylus die ſtürmiſch bewegte Zeit nebſt dem Zwieſpalt zwiſchen dem Leben und den es bewegenden Mächten ſich abſpiegelt, die ſittliche Ordnung ihm noch als eine un⸗ verſöhnliche Macht gegen den Frevler an ihr erſcheint, erhebt ſich Sophokles auf dem von ſeinem Vorgänger errungenen Standtpunkte eine Stufe höher zu der heiteren Ruhe und vertrauensvollen Hingebung an das göttliche Walten. Dieſe Hingebung in die göttliche Fügung iſt ein bezeich⸗ nender Fortſchritt in der Sophokleiſchen Anſchauung und wird vom Chore V. 174 ff. der Elektra eindringlich an das Herz gelegt, wie überhaupt in der Tragödie dieſes Namens vorzugsweiſe die göttliche Gerechtigkeit, die den Frevel an ihrer Ordnung ſtreng überwacht und ahndet, gefeiert und die Wiederherſtellung des verletzten Rechtes ihrem Walten anheimzuſtellen empfohlen wird, im Gegenſatze zu der eigenmächtigen Selbſthilfe Klytämneſtras und Ägiſths. Bei ihm wird es Auf⸗ gabe der Kunſt den Menſchen mit ſeinen Entſchlüſſen im Zuſammenhang mit den ſittlichen Mächten zu zeigen. Da dieſe letzteren die Handlung der Perſonen bei ihm beſtimmen und in dieſen perſonificirt einander gegenübertreten, ſo müſſen wir auf dieſe Auffaſſung des Dichters näher achten. War bisher das Gebiet des praktiſchen Lebens und des Geiſtes von der philoſophiſchen

*) Vgl. Nägelsbach nachhomer. Theol. p. 359 ff. . 1