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Anf ſolche Weiſe waren die verſchiedenen Außerungen der ſittlichen Weltordnung, weil ſie einem Naturgeſetze gleich ihre unwandelbare Ordnung empfangen hatten, auf religiöſe Vorſtellung gegründet und durch traditionelle Ordnung als ein Gewohnheitsrecht in die hiſtoriſche Zeit über⸗ gegangen. Dies Gewohnheitsrecht als Teil der ſittlichen Weltordnung war das allein befolgte, bevor poſitive Beſtimmungen und Rechtsnormen an deſſen Stelle traten. Im Laufe der Zeit, wie dies ſchon die Homeriſchen Gedichte lehren, hatten ſich die Götter von der natürlichen Grund⸗ lage, auf der ſie erwachſen oder mit der ſie eins waren, abgelöſt und erſchienen nunmehr als vergeiſtigte Weſen, welche ihren urſprünglichen Wirkungskreis beibehielten, der freilich aus der phyſiſchen in die geiſtige Sphäre übergegangen war. Apollo z. B. der Sonnengott, der alles Irdiſche beſcheint, daher alles ſieht und weiß, iſt zu einem geiſtigen Weſen geworden, zum Gotte der Wahrſagekunſt und der muſiſchen Künſte. Nach dieſer Seite, als wahrſagender Gott erforſcht er die verborgenen Verbrechen, bringt ſie an das Licht und ahndet ſie. Nachdem ſo auf phyſiſcher Grundlage erwachſen die ſittliche Anſchauung zu einer ideellen ſich geſtaltet hat, erſcheint ſie auch als diejenige Eigenſchaft an dem Menſchen, wonach er mit jenem durch die Sitte geheiligten Recht ſowohl, als auch mit der Gottheit in Übereinſtimmung denkt und handelt. Dieſe Wandlung auf ethiſchem Gebiete trat namentlich in den Zeiten der Perſerkriege ein, wo auf dem geſammten Gebiete der Geiſteskultur ein Umſchwung ſich geltend machte und ſomit ein Bruch mit den An⸗ ſchauungen der Vergangenheit. Die Betrachtung ſo gewaltiger Thatſachen, wie die entſcheidenden Siege über die Perſer an die Hand gaben, rief eine Vergleichung zwiſchen Perſern und Griechen hervor, wobei nothwendig ſich die Vorſtellung aufdrängen mußte, daß Wille und Thatkraft im Verein mit geiſtiger Überlegenheit über rohe Maſſen ſo glänzende Erfolge erzielt habe. Der denkende Geiſt fängt an zu erkennen, daß der Menſch nicht mehr, wie der des heroiſchen Zeit⸗ alters, wo er noch unter der Vormundſchaft der Götter ſtets am Gängelbande derſelben geleitet wird, einer äußeren blinden Notwendigkeit unterworfen iſt, und dieſe Vorſtellung tritt in den Tragödien des Äſchylus und Sophokles in den Vordergrund, wenn auch mitunter im Leben ihrer dramatiſchen Perſonen etwas von einem unvermeidlichen Geſchick erſcheint, was nicht durch die Verkettung der Umſtände herbeigeführt iſt, noch als notwendige Folge der Handlung erſcheint.
Die Tragiker waren es zunächſt, welche die verſchiedenen Fragen über das Leben mit ſeinen Mächten und Gegenſätzen, über das Verhältnis des Menſchen zur Gottheit, über die ſitt⸗ liche Ordnung dem freien Willen gegenüber zu löſen ſuchten und in künſtleriſcher Darſtellung einer lebensvollen Handlung den Zeitgenoſſen zur Anſchauung brachten.(Bernhardy, Grundriß der griech. Litt. 3. Bearb. 2. Th. 2. Abth. S. 185.)
Die durch den neuen Zeitgeiſt gewonnenen Ideen, welche ſich auf dem Gebiete der ſitt⸗ lichen Ordnung bewegen, wurden durch die tragiſche Bühne den Zeitgenoſſen an das Herz gelegt, zu klaren Vorſtellungen erhoben und zum allgemeinen Eigentum gemacht.
Mit dem Fortſchritte der Cultur und der genaueren Erforſchung der geiſtigen Verhält⸗ niſſe des Lebens mußte auch die Vorſtellung von der Weltordnung in ein neues Stadium und in Gegenſatz zu den alten Naturweſen treten. Während im heroiſchen Zeitalter ein Verkehr der


