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1 (1875)
Entstehung
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Nacht. Nach der Bedeutung des Wortes, vonélieev zutheilen, erſcheint ſpäter die Nemeſis als die Göttin, welche dem Menſchen je nach Gebühr und Verdienſt ſein Geſchick, Glück und Unglück zutheilt, beſonders nach dem ſittlichen Rechtsgefühl Lohn oder Strafe verhängt.

Bei Pindar, Herodot und den Tragikern tritt an ihr beſonders die eine Seite einer Unheil bringenden Göttin hervor, welche durch entſprechende Strafe für Ueberhebung und begangenen Frevel die ſittliche Ordnung wieder in das Gleichgewicht bringt. Für jeden Todten, namentlich für einen Erſchlagenen, da ein ſolcher die an ihm verübten Kränkungen nicht ſelbſt mehr vergelten kann, tritt die Nemeſis als Rächerin auf. So ruft auch Elektra(V. 782), als Klytämneſtra bei der erdichteten Nachricht vom Tode des Oreſtes den Todten höhnt, die Nemeſis an, dieſe Worte zu vernehmen.

Alle dieſe im Finſtern waltenden Mächte ſind durch die in der königlichen Familie verletzte ſittliche Ordnung ins Leben gerufen und ruhen nicht eher, als bis die Rache an den Mörder er⸗ füllt iſt. Wir ſehen alſo, daß auch dieſe unſichtbaren Mächte die Rache betreiben helfen, gerade ihre Hülfe von den Verwandten erwartet wird und letztere nicht für ſich allein handeln. Zum Theil ſtehen jene Mächte mit den oberen Göttern, Zeus und Apollo, den Vollſtreckern der Gerech⸗ tichkeit, in Verbindung. V. 112 nennt der Dichter die Erinyen Kinder der Götter(Sewy aldes Epwvdeg), welche Bezeichnung auf das Verhältniß der Strafgöttinnen zu den Pböheren Göttern ſich bezieht, deren Willen ſie erfüllen..

Dieſe Mächte hat die Phantaſie des Dichters doch nicht erſt geſchaffen, ſondern im Volksglauben, welcher auch derſeinige war, vorgefunden. Sie bilden den Hintergrund, in welchem im Verborgenen für die Rache gewirkt wird, damit dem ſchuldloſen Opfer, das mit Argliſt in die Netze des Todes gelockt worden war, die ſchuldige und volle Wiedervergeltung zu Theil werde. Dieſe Mächte ſind die Perſonification des ethiſchen Bewußtſeins, welche in dem Naturrecht als Geſetz beſtehen und eben ſo wie Zeus und Apollo als Wächter über die ſittliche Ordnung ein Organ haben müſſen, in welchem ihre Wirkſamkeit ſich bethätigt; mit anderen Worten: Der Volksglaube dachte ſich jene Mächte lebendig und wirkſam und ſo auch hält Elektra im Glauben an ſie ſich zur Rache getrieben, welche ſie als eine Pflicht erfüllen zu müſſen glaubt, nicht um ihren perſönlichen Rachegefühlen Genüge zu leiſten. Ihnen gegenüber verhält ſich Elektra paſſiv, wie ſie denn überhaupt, und wohl nicht ohne beſtimmte Abſicht des Dichters, allein von ihrem Pathos beſeelt erſcheint und nur, ohne eigentlich zu handeln, durch die ſittlichen Mächte ſich beſtimmen läßt.

So iſt auch hierin die ſittliche Ordnung jener Zeit, welche der Dichter an der Elektra zur Erſcheinung bringt, die Lebensluft, in welcher die Jungfrau athmet und von ihr beſeelt wird. Von Kindheit an in dieſem Element aufgewachſen, will ſie nur das, was jene Ordnung ihr gebietet. Inſofern tritt ſie frei handelnd auf und vollzieht den Conflict in ihrer Bruſt. Dieſer Anſchauung entſprechend treten die pſychologiſchen und objectiv ethiſchen Motive in innigen Zuſammenhang mit einander, was nicht zu überſehen iſt. Von einem Schickſale, welchem die Elektra oder die übrigen Perſonen der Tagödie willenlos unterworfen wäre, wie wir oben ſchon geſehen, iſt keine Rede; dieſes beſteht eben in den ethiſchen Beziehungen, welche die Handlung beherrſchen.

Auch in den Worten des Chors V. 504 ff., wo des Pelops unheilvoller Wettfahrt und ſeines am Wagenlenker Myrtilos verübten Frevels gedacht wird, kann ich nicht, wie von einigen geſchehen