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ſelben waren ſie in ihrer Hoffnung bitter getäuſcht worden. Aber eine der Töchter, Elektra, war
von der rächenden Gottheit zur Ausführung ihrer Pläne auserſehen worden. Von Stund an wurde ſie von der Mutter mit mißtrauiſchem Auge bewacht und ſollte durch harte Behandlung zur Nach⸗ giebigkeit und geduldige Fügung in die unſeeligen Verhältniſſe gezwungen werden. Hierdurch wurde jedoch gerade das Gegentheil bewirkt und zwiſchen beiden eine immer größere Spannung hervorge⸗ rufen, welche nur durch eine Gewaltthat auf der einen oder anderen Seite ihr Ende erreichen konnte. Beide ſind ſo in eine zweideutige Stellung zu einander gerathen, aus welcher eine jede von beiden durch Beſeitigung der anderen ſich zu befreien ſucht. Iſt ſchon ein ſolches Verhältniß zwiſchen Mutter und Tochter an ſich geeignet, bei dem Beobachter Entſetzen hervorzurufen, ſo wird dieſes zu dem vorhin erwähnten unheimlichen Grauen geſteigert, wenn wir uns nach griechiſcher Anſchauung ver⸗ gegenwärtigen, daß mit dem Morde des Königs ſofort alle Rachegeiſter entfeſſelt ſind, welche im Verborgenen für die Wiedervergeltung wirken und nicht eher ruhen, als bis die Rache erfüllt iſt. Gleich beim Empfang des Todesſtreiches hatte Agamemnon den Fluch auf das Haupt ſeiner Mör⸗ der herabgefleht und ſein Schatten ſelbſt, ſtets als Rachegeiſt in der Unterwelt thätig, iſt zu einer göttlichen wirkenden Macht geworden.*) Dieſer Fluch(ApG), eigentlich der Wunſch des unſchuldig ein Unrecht Erleidenden, daß den Beleidiger ſein Vergehen in gleichem Maße wieder treffen möge, wurde auch perſonificirt als Göttin gedacht und wird von Elektra(V. 111) gegen die Mörder ihres Vaters aufgerufen und ſogar νανα d. h. der hehre, geehrte,(Fluch) genannt, weil er in dem ſittlichen Bewußtſein, daß er ein gerechtfertigter ſei und eine gerechte Vergeltung herbeiführen helfen werde, ausgeſprochen iſt. Auf dieſen Fluch weiſt auch der Chor nach Vollſtreckung der Rache an Klytämneſtra(V. 1419) hin, wenn er ſagt:„Die Flüche gehen in Erfüllung; es leben noch, die unter der Erde liegen. Denn das(zur Sühne) wiedervergoſſene Blut der Mörder nehmen die längſt Verſtorbenen in Anſpruch.“ Auch die Herrſcher der Unterwelt ſelbſt, Aldes und Perſephone, waren dem Todten behülflich, daß ihm Vergeltung an ſeinen Mördern zu Theil werde(V. 140 ff.). Zu dieſen Weſen geſellten ſich ſodann ferner als rächende Mächte, nach der eben angeführten Stelle, Hermes und die Erinyen, welche letzteren nach der Vermuthung des Chors(V. 489 ff.)„aus ihrem furchtbaren Hinterhalt, in welchem ſie lauern, hervorkommen werden, vielarmig und erzfüßig“ — mit dieſen letztern Worten wird das plötzliche, überraſchende, die Seele umklammernde Weſen einer erwachenden Gewiſſensangſt gezeichnet; Lübker S. 62—„denn ohne eheliche Verbindung befiel ein unbräutliches Verlangen nach mordbefleckter Ehe das Paar, welchem kein Recht dazu iſt“; und endlich die Nemeſis, ein ethiſcher Begriff, welcher ſeit den Perſerkriegen neben der Idee der Dike als wirkſames Organ der Veredlung der Denkart ins Leben trat. In jener großen Zeit, wo mit der Umgeſtaltung aller Verhältniſſe auch die Anſchauung der Griechen von der Stellung der Menſchen in ihren Handlungen der Gottheit gegenüber in ein neues Stadium eingetreten war, hatte ſich das ſittliche Bewußtſein zu dem Gedanken einer göttlichen Weltregierung und einer harmoniſchen Ausgleichung der menſchlichen Verhältniſſe erhoben. Bei Homer iſt Nemeſis noch ein bloßer Begriff. Das Wort findet ſich hier nur mit der Verneinung und bedeutet in dieſer Verbindung:„es iſt kein Vorwurf.“ Bei Heſiod dagegen(Theog. V. 223) iſt Nemeſis ſchon eine Göttin, eine Tochter der —=) Lubter a. a. O. S. 59:„Darum darf nicht allein, ſondern muß ſelbſt die Rache herabgefleht werden
von den Betheiligten, ſo furchtbar der Wunſch bisweilen auch klingen mag, ja die Stimmen derſelben tönen fort in der begangenen That.“
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