— 17—
hält, iſt Zeus. In der Elektra iſt es ebenfalls Zeus oder deſſen Stellvertreter Apollo, welcher als Wächter der Gerechtigkeit die Strafe für den begangenen Frevel betreibt.(Vergl. V. 175 ff. u. 82 ff.)
An die Stelle des unerbittlichen Geſchickes, welches bei Aeſchylus darin beſtand, daß das ver⸗ goſſene Blut einen Rachegeiſt im Hauſe aufrief, welcher nur durch das Blut des Mörders verſöhnt werden konnte, dadurch aber Mord an Mord ſich reihete, tritt bei Sophokles das ſittliche Be⸗ wußtſein. Dieſes geht dann in dem unbedingten Vertrauen zu Zeus, dem Schützer und Wahrer der ewigen Gerechtigkeit, auf. Von dem Vertrauen auf dieſe Gerechtigkeit iſt auch Elektra erfüllt, wie ſie dies mehrfach im Verlauf des Stückes äußert. Demnach war das ſittliche Bewußtſein, welches ſich mit der göttlichen Gerechtigkeit im Einklang fühlte und auf der urſprünglichen natür⸗ lichen Grundlage allmählich zu dieſem ideellen Standpunkte ſich erhoben hatte, die Triebfeder, die an ihrem Vater begangene Unthat zu vergelten und zu ſühnen.
Dieſe Anſchauungen, in welche auch Elektra, das Organ derſelben, gerade wie der Dichter, ſich eingelebt hatte, wirken unmittelbar auf ſie ein(Vgl. oben S. 8.); und nicht erſt durch Reflexion über das Geſchehene iſt der Racheplan in ihr gereift. Wenn ſchon die Vollziehung der Blutrache an einem dem Rächer fern ſtehenden Menſchen jede menſchlich fühlende Bruſt mit Ab⸗ ſcheu und Schauder erfüllen muß, um wie viel mehr, wenn der Gegenſtand einer ſolchen Rache ein nahe ſtehender Blutsverwandter iſt. Sind nun gar die eigenen Kinder, wie hier Oreſt und Elektra, die Bluträcher an der eigenen Mutter für die Ermordung des Gatten und Vaters, ſo muß das nach unſerem Gefühl zu einem Conflict ſo herber Natur führen, wie er nur überhaupt die Bruſt eines Kindes bewegen kann. War aber zur Zeit des Dichters das alte ſtarre Naturgeſetz einer milderen Anſchauung gewichen und an ſeine Stelle die erwähnte Idee der ſittlichen Lebensmächte getreten, ſo müßte auf den erſten Blick allerdings befremden, daß Sophokles einen ſolchen Gegen⸗ ſtand tragiſch behandelt hat, der alles menſchliche wie das Gerechtigkeitsgefühl beleidigt. Doch Sophokles befand ſich wie bereits erwähnt, auf dem Standtpunkte ſeiner Zeit. Wie wir geſehen haben, hegte er über die Blutrache mildere und ideellere Anſichten, welche mit der göttlichen Ge⸗ rechtigkeit zuſammenfloſſen. Außerdem wollte er in der Elektra auch ſeine tieferen Vorſtellungen von der ſittlichen Ordnung und dem Naturrechte der Familie zur Darſtellung bringen. Er konnte daher und wollte auch nicht die Blutrache in ihrer nackten Geſtalt als reines Wiedervergeltungs⸗ recht(jus talionis)vorführen, wie es noch Aeſchylus dargeſtellt hat und in der Odyſſee in der Rache des Oreſt an ſeiner Mutter uns entgegentritt. Das alte Cötterrecht befindet ſich zur Zeit des Dichters im Uebergangsſtadium in ein Menſcheurecht und die Verfolgung eines Mordes beginnt an den Staat überzugehen. Letzteres Recht, das in der Dike ſeinen Ausdruck gefunden hat, welche nach dem Ausſpruch unſeres Dichters auch bei Zeus thront, iſt wohl der Sache nach von der Themis nicht verſchieden.(Vgl. Lübker Sophokl. Theol. a. a. O. S. 51 ff). Themis aber, nach ſophokleiſcher Auffaſſung die Vertreterin des ewigen göttlichen Geſetzes, wird von Elektra V. 1047 neben dem Blitz des Zeus dafür angerufen, daß ein Frevel nicht lange ungerächt bleibe. Ueber das Abkommen der Blutrache und den Uebergang dieſer alten Pflicht in ein Menſchenrecht, das der Staat anfing zu handhaben, ſagt Lübker a. a. O. weiter:„In jenem merkwürdigen Ueber⸗ gange des Rechtsbewußtſeins in dem Zeitalter unſeres Dichters, wo aus dem Götterrecht ein Men⸗ ſchenrecht wurde, ſchieden beide ſich ſtark von einander und traten ſomit aus ihrer bisherigen engen
9


