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zu einem monatlichen Feſttage erhoben mit Opfern und Gaſtmählern feierlich begangen wurde. Sie, die Tochter des Heldenkönigs Agamemnon, hat erfahren müſſen, daß ihr eine Behandlung zu Theil wurde, welche einer königlichen Tochter unwürdig war. In ihren Wehklagen, welche wie ein un⸗ verſiegbarer Strom unhemmbar aus ihrer Bruſt hervorſtrömen, die ſie aber am Tage'gewaltſam unterdrücken muß, lebt der Geiſt und das Andenken ihres Vaters fort. Ihre oft geäußerte Sehn⸗ ſucht nach Oreſt und der laute Wuͤnſch, daß er doch zurrückkehren und ihren Leiden ein Ende machen möchte, ließen bei der Mutter und ihrem Buhlen Rachepläne von ihrer Seite befürchten. Daher ſollte ſie zunächſt durch ſchlechte Behandlung zur Nachgiebigkeit gezwungen werden. Fortan ward ſie nicht mehr als Königstochter im Palaſte angeſehen, ſondern zum Dienſte einer Sclavin erniedrigt und von der näheren Gemeinſchaft mit den Ihrigen ausgeſchloſſen, welcher Lage ihre geringe Kleidung und dürftige Nahrung entſprachen. In Folge all dieſer Leiden ſchwand ihr Kör⸗ per dahin, ſo daß Oreſt bei der Wiedererkennung ſich entſetzt und verwundert frägt, ob denn das die Geſtalt der Elektra ſei.(V. 1177). Als alle Drohungen, ſie von ihren Klagen um den Vater abzubringen und zur Zufriedenheit mit den Verhältniſſen zu bewegen, vergebens waren, ging die Mutter und Aegiſth damit um, ſie in ein entferntes unterirdiſches Gewölbe einzuſperren, wo ſie das Sonnenlicht nimmermehr ſehen ſollte. Zu alle dem wird ihr auch der Anblick Aegiſths in der Kleidung ihres Vaters nicht erſpart.(V. 265). So hatten ſich Gründe genug vereinigt, um das Gemüth der Elektra zu verbittern und ihrer Mutter gegenüber in eine feindſelige Span⸗ nung zu verſetzen. Sie will daher auch nicht ihre Klagen zurückhalten, durch welche ſie ihren Vater zu ehren glaubt, zumal ihm nicht im feindlichen Lande der Tod als Gaſtgeſchenk vom blutigen Ares zu Theil wurde, ſondern die eigene Gattin und ihr Genoſſe Aegiſth mit dem Mordbeil das Haupt ſpalteten, wie die Holzhauer eine Eiche fällen. Von keiner anderen werde ihm ja auch Wehklagen erhoben als von ihr. Der Dichter hat mit beſonderer Vorliebe und in beſtimmter Ab⸗ ſicht dieſen jungfräulichen Heldencharakter geſchaffen, in ähnlicher Weiſe, wie die Antigone, mit welcher er auch ſonſt manche Aehnlichkeit darbietet. Wie dieſer die Ismene, ſo iſt der Elektra die Chyyſothemis gegenübergeſtellt, beide edle Jungfrauen von untadeligem Charakter, aber von normalem Schlage, welche theils aus Aengſtlichkeit, da ſie von Mächtigeren Strafe befürchten, theils aus Lebensklugheit, um ſich aus ihrer bequemen Lage nicht herausreißen zu laſſen, den Plänen der Schweſtern, mit welchen ſie vom rechtlichen Standpunkte aus im Grunde einverſtanden ſind, nicht beizutreten wagen. Der Dichter hat den Hauptheldinnen der nach ihnen benannten Stücke haupt⸗ ſächlich deßhalb jene Nebenfiguren gegenübergeſtellt, um ſie durch den Gegenſatz nur ſchärfer in ihrer Hoheit hervortreten zu laſſen.
So iſt der Conflict, in welchem ſich Elektra befindet, vom Dichter trefflich motivirt und die ethi⸗ ſche Grundlage in das Innere der Heldin verlegÄt. Das Walten der ſittlichen Ordnung vollzieht ſich darin; wie denn überhaupt das menſchliche Leben nicht für eine Erſcheinung der in jedem einzelnen Menſchen wirkenden Kräfte und Urſachen, ſondern höherer Gewalten angeſehen wurde. Der Menſch wurde großen Theils nur als das Medium betrachtet, in welchem die höheren Gewalten ſich trafen und zur Erſcheinung kamen.(O. Müllers Eumenid. S. 166). Die Gottheit, welche aus der Ferne die menſchlichen Handlungen überwacht und die Fäden der Geſchicke in ihrer Hand


