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die herben Erlebniſſe in ihrem eigenen Hauſe bis zur kalten Todesverachtung ſich geſteigert hat, ragt ſie über das gewöhnliche Maß der Weiblichkeit weit hinaus, ohne jedoch in ihrer Handlungs⸗ weiſe die Weiblichkeit zu verleugnen. Bringt doch Sophokles ſonſt in der Darſtellung ſeiner Cha⸗ raktere jenes ſchöne Ebenmaß zur Anſchauung, welches als charakteriſtiſcher Zug an ſeiner Poeſie hervorgehoben wird, ſo daß er nie ins Maßloſe ſich verliert und auch Charaktere, wie den der Elek⸗ tra zwar bis an die Grenze zu führen weiß, ſo weit ein ſolcher möglich iſt, jedoch nicht ins Gebiet der Gefühlloſigkeit, Grauſamkeit und Unkindlichkeit hinüber ſchweift.
In der Zeichnung des Charakters der Elektra hat der Dichter keineswegs die Grenzen der Weiblichkeit überſchritten. Die Schroffheit in ihrem Charakter tritt nur auf der einen Seite gegen die gottloſe Mutter und ihren feigen Buhlen Aegiſth hervor; auf der andern Seite iſt ihr Herz den zarteren Regungen der Liebe zu Vater und Brnder nicht verſchloſſen, ſo daß auch hier das Ebenmaß, das Geſetz der Schönheit in der Poeſie des Sophokles, gewahrt erſcheint. Die ſchroffe Seite erklärt ſich wieder aus der ethiſchen Grundlage, auf welcher ihr Charakter ſich be⸗ wegt; die Empörung über die verletzte Weltordnung durch die Ermordung des Vaters und durch den ehebrecheriſchen Bund mit Aegiſth iſt das Pathos, welches ſie belebt und widerſtandslos be⸗ herrſcht. Aus ihren Klagen und herben Aeußerungen, welche einen anderen Eindruck als den weib⸗ licher Schwäche auf uns machen, ſpricht eine dämoniſche Macht, welche an die Worte Hanlets, deſſen Rolle mit der Elektras manche Aehnlichkeiten darbietet:„Die Welt iſt aus den Fugen; wehe mir, daß ich geboren ward ſie wieder einzurenken,“ anklingen. Auch in ihrer Heimath war die Welt aus den Fugen gegangen. Durch den Gattenmord, das ehebrecheriſche Verhältniß mit Aegiſth, Liebloſigkeit gegen die Kinder, Vernichtung des Glanzes des königlichen Thrones hatte Klytämneſtra gewaltig gegen das Naturrecht gefrevelt. Doch die Familie wie der Staat ſtand da als eine ſitt⸗ liche Macht, eine natürliche Ordnung, an denen die Gottheit keinen Frevel ungeſtraft hingehen ließ. Für dieſe mehrfache Verletzung der ſittlichen Ordnung hatte die Gottheit in der Elektra ſich ein Werkzeug auserſehen, deren Bruſt einzig von der durch die Religion eingegebenen Begeiſterung er⸗ füllt war, für das durch Frevler ſo ſchmählich gekränkte Familienrecht ein Opfer der Sühne darzu⸗ bringen. Dieſe Jungfrau ſteht da in ſittenreinem Charakter, durchdrungen von hoher Achtung für die Tugend und unauslöͤſchlicher Anhänglichkeit an den Vater, von Abſcheu gegen das Laſter und alle ungeſetzlichen Handlungen, beſonders gegen das ſchandbare Leben der Mutter im Bunde mit Aegiſth. Bei ihr iſt es nicht Befriedigung einer niedrigen Leidenſchaft, weder bloße Rachgier, noch Gewinn⸗ ſucht, noch Verbeſſerung ihrer äußeren Lebenslage— dieſe konnte ihr zu Theil werden, wie den Schweſtern, wenn ſie ſich ruhig den Verhältniſſen fügte— was ihre Bruſt erfüllt und ihr Pathos ausmacht, ſondern lediglich die Vereinigung dreier Gefühle, welche bei ihr in ungetrübter Idealität daſtehen, ungemiſcht mit materiellen Triebfedern: die Pietät gegen den gemordeten Vater, Ehrfurcht gegen die Götter und gerechte Entrüſtung über die Entweihung der königlichen Herrſchaft durch den mordbefleckten, ehebrecheriſchen Bund der Mörder. Daher war die Tödtung dieſer nicht der bloße Endzweck, nach welchem Elektra trachtete, ſondern Mittel zum Zwecke, was beſonders aus dem Schluß der Tragödie hervorgeht, worauf wir ſpäter zurückkommen.
Jener mehrfache Frevel aber war es nicht allein, was Elektra im väterlichen Palaſte erlebt hat; ſie hat mit anſehen müſſen, wie der Todestag ihres königlichen Vaters von dem Mörderpaare


