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1 (1875)
Entstehung
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ihre Wirkung dabei bethätigt, geht der Kampf um die Ermordung der Klytämneſtra in pſychologiſcher Entwickelung in der Bruſt der Elektra vor ſich und bewegt ſich nur zwiſchen Menſchen ſeinem Ziele entgegen. Während die genannten männlichen Perſonen nur als Werkzeuge der Rache er⸗ ſcheinen, ſteht Elektra, der intellektuelle Urheber derſelben, im Vordergrund. Die Anſichten des Sophokles von der Blutrache und der göttlichen Gerechtigkeit, wenn auch im Grunde mit Aeſchylus übereinſtimmend, wie dies aus verſchiedenen Stellen der Elektra und dem ganzen Drama klar hervorgeht, worin in unverkennbaren Zügen die Lehre gepredigt wird:Gleiches wird durch Gleiches vergolten ſind doch in ein weiteres Stadium der Entwickelung eingetreten, wie es ebenfalls dies Drama deutlich erkennen läßt, und worauf wir im Laufe dieſer Abhandlung aufmerkſam machen werden.

Wir wenden uns nun zunächſt zu Oreſt und dem Pädagogen zurück, welche wir als Fremde auf der Bühne mit Tagesanbruch haben auftreten ſehen. Nach kurzer Betrachtung der Oertlich⸗ keiten treffen ſie ſofort die erforderlichen Verabredungen zur Vollführung der Rache. Dabei er⸗ öffnet Oreſt, daß er ſich, um zu erfahren, auf welche Weiſe er für den Vater an den Mördern Rache nehmen müſſe, an den Apollo nach Delphi gewandt und von ihm die Weiſung erhalten habe, er ſolle auf ſich ſelbſt beſchränkt und ungeſchützt durch ein beſchildetes Heer den berechtigten Mord heimlich mit eigener Hand ausführen.(V. 35 37). Dieſe Rede iſt von Bedeutung. Wir erkennen daraus, daß Oreſt, welcher bei Aeſchylus durch die furchtbarſten Drohungen deſſelben Gottes zur Rache getrieben wird, freiwillig zwar zum Diener der ſittlichen Ordnung ſich hier darbietet, doch nicht ohne den Rath des Apollo, des Gottes, welcher gewöhnlich bei Sophokles als Stellver⸗ treter des Zeus, des Hortes der ſittlichen Weltordnung, erſcheint, und deſſen Willen verkündet. Bald darauf(69 70) wendet er ſich zum Gebet:Doch Du väterliches Land und ihr einheimiſchen Cötter(unter denen auch Apollo) empfanget mich erfolgreich auf dieſen meinen Wegen, und auch Du, mein väterliches Haus. Denn auf gerechtem Wege erſcheine ich zu Deiner Sühne auf Antrieb der Götter. Seine That ſtellt ſich im Lichte verſchiedener Jahrhunderte und Zeiten verſchieden dar. Bei Homer wird ſie als ſelbſtverſtändlicher Act der Blutrache, als eine Art Naturnothwen⸗ digkeit geprieſen, bei Aeſchylus unter Drohungen von Apollo gefordert, bei Sophokles ſehen wir Oreſtes zwar aus eigenem Antrieb handeln, doch kann er ſich der heiligen Pflicht, die geſtörte ſitt⸗ liche Ordnung wieder herzuſtellen, nicht entziehen. Die Götter, die Wächter dieſer Ordnung, halten ja dieſe aufrecht mit der Strenge eines Naturgeſetzes. Während in dem modernen Drama, wie wir oben ſahen, die Handlung mit voller Freiheit in der Bruſt des Helden ſich geſtaltet und von da in die Wirklichkeit tritt, herrſcht im griechiſchen Freiheit auf der einen und Gebundenheit auf der andern Seite. Hier iſt die ſittliche Weltordnung eben die Macht, welche gebieteriſch Unterord⸗ nung unter ihr Geſetz verlangt. Doch dieſem Geſetze beugen ſich die dramatiſchen Charaktere frei⸗ willig; denn dieſes Geſetz iſt es, welches, wie noch heut zu Tage die Lehren der Religion, das Gemüth ganz erfüllt und zum Pathos des Individuums geworden deſſen Handlungen beſtimmt.

Betrachten wir von dieſem Geſichtspunkte aus den Charakter der Elektra, wie ihn Sophokles dargeſtellt hat, ſo wird auch unſer Urtheil ſich darnach geſtalten. Zunächſt muß man hierneben beachten, daß Elektra nicht eine Jungfrau von gewöhnlichem Schlage iſt, vielmehr einer von jenen heldenmüthigen Charakteren, welche um ein hohes ſchwieriges Ziel zu erreichen, keine Gefahr, kein Hinderniß ſcheuen. Ein Zug vom Heldenmuthe ihrer Familie iſt ihr angeerbt und da dieſer durch