Druckschrift 
1 (1875)
Entstehung
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Pädagoge, Oreſt und ſein Freund Pylades erſcheinen in Morgengrauen, als eben die erſten Sonnen⸗ ſtrahlen den Geſang der Vögel wecken, von der Seite der Fremde her vor dem königlichen Palaſte auf der Bühne und hiermit beginnt das Stück. Die Schürzung des Knotens liegt alſo, wie ge⸗ wöhnlich in den griechiſchen Tragödien, vor dem Beginn des Stückes und wird bei dem Zuſchauer als bekannt vorausgeſetzt. In der Elektra haben wir eine Ueberarbeitung der äſchyliſchen Trilogie, der Oreſtee, welche Sophokles nach einer höchſt kunſtvollen Anlage zu einer einzigen Tragödie verarbeitet hat. Das erſte Stück der Trilogie, Agamenmon, ſtellt die Ermordung des Königs dar; das zweite, die Grabesſpenderinnen(Choephoren), iſt das eigentliche Seitenſtück zur Elektra und ſtellt die Blutrache durch Oreſt dar. Das dritte, die Eumeniden, die Verfolgung des Muttermörders durch die Furien, war für Sophokles nach ſeiner vorgeſchrittenen und heitereren Anſchauung von der Gottheit ein überwundener Standpunkt und hat daher in der Elektra auch nicht einmal eine Andeutung gefunden.

Bei Aeſchylus iſt die Hauptperſon des Dramas Oreſt, als der geborene Bluträcher, der Mör⸗ der aus äußerer Pflicht und Gewiſſen, welcher vom delphiſchen Gotte zum Morde aufgefordert wie von einer unwiderſtehlichen Macht dazu getrieben erſcheint. Derſelbe iſt zwar auch bei So⸗ phokles der natürliche Erbe der Blutrache; jedoch erſcheint hier ſein Verhältniß den Mördern des Vaters gegenüber, weil vom künſtleriſchen Plane des Dichters und der pſychologiſchen Entwickelung der Charaktere abhängig, als ein etwas anderes wie bei Aeſchylus. Bei dieſem iſt nach der bei ihm herrſchenden religiöſen Vorſtellung Oreſt die Hauptperſon durch ſeine Stellung zu der Familie. Hier galt als Geſetz, daß den Frevler unausbleiblich Strafe treffe, die Rachegöttinnen ſich an die Ferſen des Mörders hefteten, wie es in den Choeph. V. 306 ff. heißt:Die ſchuldige Buße eintreibend ruft Dike: Für blutigen Mord zahle blutigen Mord! Der Thäter muß leiden; ſo kündet der uralt heilige Spruch! Hier galt der altteſtamentliche Grundſatz:Auge um Auge und Zahn um Zahn, Blut um Blut. Da jeder Mord einen Bluträcher aufrief, ſo lud dieſer ſeiner⸗ ſeits wieder eine Schuld auf ſich, die wiederum mit ſeinem Blute geſühnt zu werden verlangte. Da⸗ durch befindet ſich der Dichter in einem Zwieſpalt, welchen er nicht auszugleichen vermag, weil er von einem gnadenvollen Gotte, welcher den reuigen und gebeſſerten Sünder zu Gnaden annimmt, ja keine Vorſtellung hatte. So ſehen wir denn, wie eine Kette von Schuld durch die alten Königs⸗ geſchlechter ſich hindurchzieht, wie jeder Mord den Fluch auf den Mörder herabruft, bis der letzte Sproß vernichtet iſt. Daneben ſtehen bei Aeſchylus auch dämoniſche Mächte im Hintergrunde, welche ſich um ihr Recht ſtreiten, ohne zu einem endlichen Ausgleich gelangen zu können. In der Blutſchuld des Oreſt ſtreiten die alten finſteren Erdgottheiten, die Erinyen, denen von jeher die Verfolgung des Mörders oblag, gegen Apollo, die jüngere Gottheit des geiſtigen Lichtes, welches die Finſterniß des alten ſtarren Naturrechts erhellt und heitereren menſchlicheren Anſchauungen von der Handhabung des Rechtes die Bahn gewieſen hat. Dieſen Uebergang des alten Naturrechts, der alten traditionellen Satzungen in das durch die ſteigende Humanität und Bildung gemilderte menſch⸗ liche Recht, hat Aeſchylus in den Eumeniden zur Darſtellung gebracht.

Bei Sophokles dagegen iſt in dem gleichnamigen Drama Elektra die Hauptperſon, welche von Anfang bis zu Ende, nur kleine Unterbrechungen abgerechnet, ſtets auf der Bühne erſcheint. Ohne Einmiſchung dämoniſcher Weſen in die Handlung, während die Gottheit nur aus weiter Ferne