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Alle dieſe Urtheile ſind ganz und gar von moderner Anſchauung eingegeben, ohne der antiken gehörig Rechnung zu tragen.*)
Eine genauere Betrachtung und Prüfung der Handlungen und Aeußerungen der Perſonen dieſes Dramas, verglichen mit der ſittlich⸗religiöſen Anſchauung der Griechen im Allgemeinen, werden nicht verfehlen zur Ermittelung einer entſprechenden Erklärung eine Handhabe zu bieten.
Der Gegenſtand, um welchen ſich die Handlung unſeres Dramas bewegt, iſt, wie oben ange⸗ deutet worden, die Blutrache, welche außerdem in keinem anderen Drama vom Dichter zur Dar⸗ ſtellung gebracht iſt.
Die Vorfabel des Stückes iſt kurz folgende: Agamemnon, der herrliche, von Zeus ſelber als Heerführer der Griechen gegen Troja anerkannte König von Argos und Mykene, war nach zehn Jahre langer Abweſenheit endlich in ſeine Vaterſtadt und an den häuslichen Heerd zu den Seinigen zurückgekehrt. Hier aber am Ziele ſeines Hoffens und Sehnens war er von ſeinem treuloſen Weibe, der Königin Klytämneſtra, welche während der Abweſenheit des Gatten mit deſſen Vetter, dem feigen heimtückiſchen Aegiſth, in ein ruchloſes Ehebündniß ſich eingelaſſen und mit ihm des königlichen Thrones nebſt den königlichen Schätzen ſich bemächtigt hatte, auf ſchmähliche hinter⸗ liſtige Weiſe beim Mahle(nach der Darſtellung des Aeſchylus im Bade) mit dem Beile erſchlagen worden. Alſo am häuslichen Heerde, der unter dem beſonderen Schutze des Zeus ſtand. Bei der Ermordung des Königs befanden ſich drei erwachſene Töchter im königlichen Palaſte, Elektra, Chry⸗ ſothemis und Iphianaſſa— die vierte, Iphigenia, war in Aulis, wie man glaubte, der Artemis geopfert; aber ſie war, was damals noch nicht bekannt, von der Cöttin gerettet und nach Taurien in ihren Tempel als Prieſterin verſetzt worden— und ein unmündiger Sohn Oreſtes. Auch dieſer, damit den Mördern ſeines Vaters nicht dermaleinſt in ihm, da er als der nächſte männliche Blutsverwandte nach griechiſcher Vorſtellung die Blutrache als eine heilige Pflicht geerbt hatte, ein Rächer erſtände, war dem Tode geweiht. Doch während noch das Mordbeil über dem Haupte des Vaters geſchwungen wurde, die Weherufe des Sterbenden kaum verhallt waren, war Elektra, da⸗ mals ungefähr eine Jungfrau von zwanzig Jahren, ſchon beſchäftigt, ihren Bruder, der etwa zwölf Jahre alt ſein konnte, durch ſeinen Pädagogen in das benachbarte Phocis zum befreundeten König Strophios zu retten. Hier am königlichen Hofe ſchließt er mit Pylades, dem Sohne des Königs, die im Alterthume berühmte Freundſchaft und wird von ſeiner Schweſter Elektra von Zeit zu Zeit über die traurigen Verhältniſſe im Palaſt in Kenntniß geſetzt und an die dem Vater ſchuldige Rache gemahnt. Auch König Strophios, der ehemalige Gaſtfreund Agamemnos wird in Oreſt die Pflicht der Blutrache wach erhalten haben und der Pädagoge ſagt es von ſich ſelbſt aus, daß er den Oreſt zum einſtigen Rächer des Vaters erzogen habe(Elektra. V. 14). Die drei erwähnten Perſonen der
*) Den Alten ſcheint in dieſer Tragödie kein Mißklang fühlbar geworden zu ſein. Nach einem Urtheile aus dem Alterthume iſt die Elektra nebſt der Antigone nicht nur für die vorzüglichſte Tragödie des Sophokles, ſondern für den Gipfelpunkt aller dramatiſchen Leiſtungen des Alterthums erklärt worden. Vergl. Anthol. Pal. VII. 37:
Ere Goον ‿ϑrpdvn IsMe*ν †*,ν, Odx e A⁴!ςμνεσς. eTre aα Herrv. dεμρμ⁴εερααιᷣ ½½ςr⅜⁊εe˙ον.
Von den Neueren ſtellt A. W. v. Schlegel in ſ. Vorleſ. über dramat. Kunſt und und Litt. I. S. 117 die Elektra nebſt der Antigone und den beiden Oedip, als die vorzüglichſten Meiſterwerke des Sophokles hin.


