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Familiengliedern gezeichnet, das je nach den Perſonen, als Pietät in dem angegebenen Sinne auf der einen Seite, als Haß auf der andern erſcheint.
Gerade in dieſem Drama hat das Auftreten der Hauptheldin, welche dem Stücke den Namen gegeben, ihrer Mutter Klytämneſtra gegenüber durch das angelegentliche Betreiben des Muttermor⸗ des und die unabläſſige Aufmunterung ihres Bruders Oreſt zu dieſer That, ſo wie durch die mitleidsloſe Aeußerung gegen den Bruder bei dem Morde, bei mehreren ſachkundigen Beurtheilern ethiſche und äſthetiſche Bedenken hervorgerufen. Bernhardy Litteratur⸗Geſchicht a. a. O. S. 349 ſagt darüber:„Am wenigſten entſchuldigt man den bei ſolchem Plan zu rechtfertigenden Mißton in jenem ſchreklichen Zuruf der Elektra V. 1415*) rarαν, el Séveis, RrNX und man wagt nicht (wie Freitag Technik S. 8) die Bühnenwirkung einer ſo furchtbaren Situation zu rühmen, als ob deren Gewalt niemals übertroffen ſei. Rapp meinte, von hier an müßte Sophokles mit bangem Herzen geſchrieben haben. Immer bleibt der ſo leicht genommene Muttermord eine wunde Stelle dieſes Dramas.“ W. S. Teuffel in ſeinen Studien und Charakteriſtiken ꝛc. Leipzig 1871 S. 67:„Und in dem nun hier dieſem blutdürſtigen Drange dieſelbe Glut und dieſelbe Unwiderſtehlich⸗ keit beigelegt wird, wie dort bei Antigone dem Drange der Liebe, ſo wird Elektra ſtatt zu einer großartigen, vielmehr zu einer ſchauerlichen Erſcheinung, von der ſich unſer Blick mit Entſetzen ab⸗ kehrt.“ Aehnlich äußeren ſich Ziel im Progr. des Andreas⸗Gymn. zu Hildesheim vom Jahre 1860 über die Elektra; Schöll in der Tatrologie des att. Theatres S. 209— 216 erklärt die Elektra für ein Stück mit einem Hauptcharakter, deſſen Rechtfertigung nur im Widerſpruch mit der Sittlich⸗ keit der Griechen und dem menſchlichen Gefühl aller Zeiten ſtehe. A. W. v. Schlegel Vorl. über dram. Kunſt und Litt. S. 160 nennt die Scene mit Aegiſth einen entſetzlichen Theaterſtreich und daß dieſer am Schluß ſeine Hinrichtung erſt noch erwarte, ſei noch herber als bei Aeſchylus; Klein in ſeiner Geſchichte des Dramas äußert ſich im 2. Bande, worin er vom griechiſchen Drama han⸗ delt, gelegentlich der Beſprechung der ſophokleiſchen Elektra ebenfalls ungünſtig über dieſen Eharakter und ſpricht ihm alle Eigenſchaften zu einer tragiſchen Darſtellung ab. Nach ſeinem Urtheile hätte Sophokles dieſen Stoff gar nicht zum Vorwurfe einer Tragödie wählen dürfen. Noch abſprechender iſt das Urtheil Heimbrods„Ueber die Elektra des Sophokles“ in Jahns J. B. 1846, 12. Supplem. 2. Heft S. 196. Nachdem er der Klytämneſtra von Seiten ihrer Verruchtheit ſo wie der Elektra wegen ihrer Pietät volle Gerechtigkeit hat angedeihen laſſen, hält er letztere doch für ganz gefühllos. Solche Worte:„ſchlage, ſchlage doppelt, wenn du kannſt“ meint er„können nur aus dem Munde des größten Böſewichts, des verhärtetſten Menſchen hervorgehen, der alle Menſchlichkeit abgelegt habe und nur in dem Blute ſeiner Feinde Beruhigung finde. Selbſt der That ſolge nicht einmal Ab⸗ ſpannung mit Hohn und Freude empfange Elektra den Aegiſthos und heiße ihn zur Mutterleiche gehen; ſie trete aus der Rolle des Weibes, ja des Menſchen heraus, ſie gleiche einer Bacchantin, einer Furie, die ganz vergeße, daß ſie eine Jungfrau, eine Tochter ſei. So eine Tochter ſei nicht für die Bühne und am Allerwenigſten dürfe ſie ſo dargeſtellt werden, ihr Charakter und ihr Handeln können nicht gefallen, ſie erfüllen das Herz mit Schaudern, ja mit Abſcheu, Entſchuldigung ſinden ſie nicht; Elektra wie ſie uns der Dichter, zumal am Schluſſe vorführe, ſei etwas Widernatürliches,
um ſich des gelindeſten Ausdrucks zu bedienen.“
*) Die Citate aus der Elektra ſind nach der Schneidewin⸗Nauckſchen Ansgaben gemacht.


