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dieſes allein vertreten, ſondern vielmehr der individualiſirte Ausdruck der allgemeinen Verhältniſſe, welche die Handlung beſtimmen. Dieſe ideellen Mächte der ſittlichen Ordnung, für welche Antigone in den Tod geht, Elektra alle Schmach ſtandhaft erduldet und an der eigenen Mutter die Blut⸗ rache ins Werk ſetzt, ſind jene oben erwähnten aus der älteſten Naturanſchauung entſtandenen gött⸗ lichen Geſetze, welche von der Gottheit wie die Naturordnung ſelbſt ſtreng aufrecht erhalten wurden, jene Geſetze, von welchen Antigone im Gegenſatz zu den eigenmächtigen menſchlichen Satzungen ſagt:
„Nicht heute ja und geſtern erſt,
Nein, ewig lebt dies; keiner weiß ſeit wann es iſt“ und deren Entſtehen der Chor im König Oedipus auf den Vater Zeus und den Olymp, den Wohn⸗ ſitz der Götter zurückführt. Dieſe Anſchaung hat der Dichter ſeinen Zeitgenoſſen in den dahin ge⸗ hörigen Dramen eindringlich vor die Seele führen wollen. Sie iſt das Pathos, welches ihn beſeelt und das auch das Lebenselement der dramatiſchen Perſonen ausmacht, welche ſeine Phantaſie als Organe für die Darſtellung der Heiligkeit und Unverletzlichkeit des traditionellen Rechts geſchaffen hat. Daher waren ihm diejenigen Mythen ein willkommener Stoff, in welchen gerade die alten Satzungen der Götter oder die ſittliche Weltordnung ſiegreich gegen menſchliche Willkür in die Schranken traten, indem darin an dem ausgeprägten concreten Inhalte durch eine dichteriſch verklärte Helden⸗ geſchichte indirect tiefe Mahnungen ſich ausſprachen.
Durch die göttliche Weltordnung war unter anderen unverletzlichen Satzungen beſonders die Heiligkeit und Unverletzlichkeit der Familie in den Vordergrund geſtellt. Auf der Vereinigung und Gemeinſchaft vieler Familien und deren Wohlergehen beruhte die Erhaltung und das Gedeihen des Staates, weßhalb die Eintracht und Liebe der Familienglieder unter einander unter der beſondern Aufſicht des Zeus, des Hortes des häuslichen Heerdes, ſtanden. Die Familie verdankt ihr Ent⸗ ſtehen zunächſt der Liebe beider Geſchlechter, von Mann und Frau, zu einander. Doch dieſe Liebe galt den Griechen nicht als ein ethiſches Moment ſondern nur als ein phyſiſcher Zuſtand; weshalb auch Venus nur als Erregerin der ſinnlichen Liebe, nicht als Schützerin der ethiſchen Liebe betrachtet wur⸗ de. Als ſittliche Ordnung und daher als die reinere und hoͤhere Liebe ſahen ſie diejenige an, welche die einzelnen Familienglieder, die Geſchwiſter unter einander, die Eltern mit den Kindern und umgekehrt, ver⸗ band. Auf dieſer Liebe, welche das innige Familienverhältniß begründete und nach uralten Sa⸗ tzungen geheiligt war, beruhte die Familienpietät; in ihr beſonders ſah der Grieche die Beſtimmung und das eigentliche Element des Weibes, welches ihm gleichſam als die Verkörperung dieſes ſitt⸗ lichen Verhältniſſes erſchien. Bei Sophokles nun iſt gerade die Liebe in dem zuletzt angegebenen Sinne das Pathos, von welchem das Weib erfüllt iſt und zu Thaten getrieben wird. Die Liebe als ſubjective Leidenſchaft, wie ſie zwiſchen beiden Geſchlechtern zu einander ſtattfindet und im mo⸗ dernen Drama als die Triebfeder der Handlung und des Conflictes erſcheint, kennt Sophokles noch nicht. Als jenes ſittliche Verhältniß iſt ſie bei ihm in ſeinen verſchiedenen Tragödien nach ihren einzelnen Richtungen vertreten. In der Antigone iſt die Liebe der Schweſter zum Bruder, in den Trachinierinnen und dem Ajax der Gattin zum Gatten, im Oedipus auf Kolonos des Vaters zu den Töchtern, in der Elektra das Verhältniß des Kindes zu Vater und Mutter, ſowie das der Mutter und Gattin zu den Kindern und dem Gatten zur Darſtellung gebracht. In der zuletzt genannten Tragödie, welche uns hier näher beſchäftigt, ſehen wir das Verhältniß zwiſchen den verſchiedenen


