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einwirkt, unwiderſtehlich zu einem Ziele hingetrieben. Hier treten auch Menſchen als Vertreter ihrer individuellen Intereſſen mit einander in Kampf, der Gute gegen den Böſen, der Freund der Frei⸗ heit gegen den Tyrannen; dort ſind es die ethiſchen Ideen oder Pflichten, welche mit einander in Widerſpruch gerathen; und damit dieſe in die Erſcheinung treten können, dienen ihnen die Perſonen nur zum Relief..
Jene beiden die tragiſche Handlung bewegenden Momente, Freiheit und Nothwendigkeit, haben ihren Grund in der oben bereits angedeuteten Entwickelung und Geſtaltung der ethiſchen Idee auf natürlich⸗religiöſer Baſis. Ihren urſprünglichen Charakter bewahrte dieſe Idee auch ſpäter, als ſie von der natürlichen Grundlage mehr und mehr ſich abzulöſen und ideell zu geſtalten be⸗ gann. An ihren Urſprung auf natürlicher Baſis erinnert auch die bei Sophokles als höchſtes Sittengeſetz geltende Mahnung„Maaß zu halten“, deſſen Ueberſchreitung nothwendig Schaden und ſomit Strafe im Gefolge hat. In der das rechte Maß beobachtenden Beſonnenheit(w,9%νn) erkennen wir das ideell zur ethiſchen Idee verklärte Naturgeſetz, deſſen Verletzung ſich ſchon ſelbſt beſtraft. So gibt ſich die ethiſche Idee als Ausdruck der allgemeinen göttlichen Nothwendigkeit kund, deren ewige Wahrheit die tragiſchen Charaktere an ſich offenbaren. Sie iſt es, welche be⸗ ſtimmte tragiſche Perſonen belebt, für dieſe das Lebenselement bildet d. h. ſie mit dem Pathos, in welchem ſie aufgehen, erfüllt und unwiderſtehlich beherrſcht. Aus dieſem Banne können ſie nicht heraus und eine ſolche das Gemüth beherrſchende Macht war nöthig, um bei Verletzung der Hei⸗ ligkeit der ſittlichen Grundlagen des Lebens, in den hiervon Betroffenen den Geiſt des Unwillens und der Vergeltung wachzurufen zu einer Zeit, als jeder andere Schutz durch Staatsgeſetze noch nicht geboten war. Dieſe Macht gerade beſtimmt den Charakter und die Handlung der tragiſchen Perſonen und macht bei Sophokles deren Schickſal aus. Ein blindes Fatum, welchem der Menſch willenlos und ohne ſein Zuthun anheim gegeben wäre, exiſtirt in der Elektra wenigſtens gar nicht; in den übrigen Dramen des Sophokles iſt deſſen Exiſtenz ebenfalls zu verneinen; nur hat der Dichter nicht überall von der Vorſtellung eines unvermeidlichen Verhängniſſes ſich frei zu halten vermocht und ihm einen Antheil an Geſchicken beigelegt, deren Urſachen nicht aus klar vorliegenden Thatſachen ſich herleiten ließen.
Obgleich nun Sophokles die Handlungen ſeiner dramatiſchen Perſonen als Ergebniß des freien ſittlichen Entſchluſſes hinſtellt, die Charaktere im Fortſchritt der Handlung ſich ſelbſtſtändig ent⸗ wickeln und ſich gegenſeitig beſtimmen läßt, ſo vermögen ſie nach den ſo eben gegebenen Ausein⸗ anderſetzungen ihre individuelle Freiheit doch nur in ſo weit zu bethätigen, als ſie den als ſittliche Ordnung waltenden göttlichen Willen zu ihrem eigenen Willen machen und als ihr eigenes Geſetz anerkennen. Ganz richtig iſt hierüber die Anſicht Kleins im angef. Werke B. II bei Beſprechung der Antigone:„Was das moderne Bewußtſein dabei beleidigt, iſt der ſichtbare ſittliche Draht, der dieſe Perſonen wie im Puppenſpiel regiert. Ueberall Geſetz und nirgends freie Wahl.“ Dies iſt der Dualismus, welchen die dramatiſchen Charaktere an ſich offenbaren: auf der einen Seite Frei⸗ heit, ſo fern die Motive der Handlungen nach eigener Beſtimmung dargelegt werden; auf der anderen Seite Nothwendigkeit, ſofern dieſe Motive eben die ethiſchen Mächte ſind, welche das Pathos der Handelnden ausmachen und ſie willenlos beherrſchen. Daher ſind die letzteren nicht frei für ſich
beſtehende Individualitäten, welche in ihrem Handeln nur ihr eigenes Intereſſe enthalten und nur 9.
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