Druckschrift 
1 (1875)
Entstehung
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Die auf dieſem Wege gewonnene klare Einſicht in die Bedeutung des Ich und das darauf beruhende größere Vertrauen auf die Subjectivität bewirkte, daß der Menſch mit ſeiner Freiheit und Verant⸗ wortlichkeit in den Vordergrund, die Gottheit dagegen, die aus ihrem perſönlichen Verkehr mit den Menſchen ſchon bei Aeſchylus herausgetreten und in weitere Ferne gerückt war, bei Sophokles noch weiter in den Hintergrund trat. So handeln auch ſeine Perſonen aus ihrer Subjectivität heraus und nach den ſie beſtimmenden ethiſchen Mächten. Die Wirkung des Dramas beruht nunmehr auf dem Widerſtreit der letzteren unter einander, auf dem Widerſpruch zwiſchen dem Herkommen und dem natürlichen Geſetz, zwiſchen dem Glauben und dem grübelnden Verſtande, zwiſchen dem Geiſt der Neuerung und der Vorliebe fürs Alte, mit einem Worte auf der Dialektik der ſittlichen Verhältniſſe und Pflichten.*) Je vollſtändiger dieſe Dialektik ſich entfaltete, je tiefer die Dichtkunſt von der großartigen Betrachtung des ſittlichen Ganzen in die Verhältniſſe des Privatlebens herabſtieg, je mehr ſie auf euripideiſche Art in feiner Beobachtung und genauer Zergliederung der Gemüthszuſtände und Beweggründe ihren Ruhm ſuchte, je mehr man an die Götter und ihre Handlungen den menſchlichen Maßſtab anlegte, um ſo mehr mußte durch das Schauſpiel der alte Glaube untergraben werden. Auch dieſe negative Seite der religiöſen Verhältniſſe hat ohne Zweifel beſtimmend auf Sophokles eingewirkt. Bei dem Hereinbrechen des Unglaubens waren es gerade die alten ethiſchen Satzungen, die Heiligkeit beſtimmter Lebensverhält⸗ niſſe und Pflichten, welche durch die Tradition als göttliches Geſetz geheiligt nun in Frage geſtellt wurden. Da hat gewiß Sophokles, mit ſeinem älteren Zeitgenoſſen Aeſchylus auf demſelben alther⸗ kömmlichen ächt religiöſen Standpunkt ſtehend, als der vorzugsweiſe fromme Dichter, der ja ſtets die den Göttern ſchuldige Ehrfurcht, die unbedingte Ergebung in ihre Fügungen, die Heiligkeit und Un⸗ verletzlichkeit der Eide, den Glauben an die Orakel ſeinen Zeitgenoſſen mit tiefem Ernſte in Erinne⸗ rung brachte, es als ſeine Aufgabe angeſehen, die Kluft zwiſchen dem alten und dem neuen Glauben wieder auszufüllen und in ſeinen Dichtungen Mahnrufe zum Feſthalten an dem alten Glauben von der Bühne an das Volk ergehen zu laſſen.

Der Glaube des Sophokles forderte Uebereinſtimmung des Lebens mit dem göttlichen Willen und jedes tragiſche Unglück erſchien ihm als ein Verkennen dieſes Willens. Jene alten ethiſchen Probleme galten bei ihm dem göttlichen Willen gleich, welcher ſich hierin offenbare; daher bilden ſie auch in der Elektra den Schwerpunkt. Daß der erwähnte Fortſchritt auf dem Geſammtgebiete des Gedankens auch an Aeſchylus und Sophokles nicht ſpurlos vorüberging, iſt bereits erwähnt worden. Die Perſonen ihrer Dramen erſcheinen nicht mehr als bloßer Spielball der Launen der Götter und des Schickſals, ſondern als frei ſich beſtimmende und für ihre Handlungen verantwortliche Weſen, wenn auch die aus der Ferne waltende Gottheit die Fäden in der Hand behält, woran ſie die Handlungen derſelben lenkt. Freie Selbſtbeſtimmung und zu gleicher Zeit Abhängigkeit! Dies klingt zwar paradox; doch dem iſt wirklich ſo. Freiheit und Nothwendigkeit ſind nach griechiſcher Anſchauung die beiden Pole, um welche ſich das menſchliche Leben und auf der Bühne die tragiſchen Handlungen ſich bewegen, eine Eigenthümlichkeit, wodurch jene ſich wieder von den der modernen tra⸗ giſchen Bühne unterſcheiden. Der modern tragiſche Held trägt die Triebfedern ſeiner Handlungen in ſeiner Bruſt, geſtaltet in ſeinem Geiſte ſelbſtſtändig den Plan zum feindlichen Auftreten gegen die beſtehende Weltordnung und wird nicht von unſichtbarer Macht, welche von außen her auf ihn

*) Vgl. Zeller a. a. O.