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über konnte ſich auch das alte Naturrecht in ſeiner objectiven Starrheit, welche wie ein bewußtloſes Naturgeſetz unabwendbar ihr Ziel verfolgt, nicht behaupten. Es mußte der ſittlichen Vorſtellung weichen, welche in dem beſtimmten Bewußtſein, daß die göttliche Ordnung verletzt ſei und die gött⸗ liche Gerechtigkeit deren Wiederherſtellung verlange, die Beſtrafung des Frevlers betrieb. So wirkte auch die Blutrache, mit der wir es im Folgenden beſonders zu thun haben, nicht mehr als bloße Naturmacht, ſondern als ſittliche Vorſtellung. Aber auch dieſe kann ihre Abſtammung vom Natur⸗ culte nicht verleugnen und bleibt noch in der Naturanſchauung befangen.
Dieſer geſammten Anſchauung hat Aeſchylus die Bahn gebrochen; doch beſteht bei ihm noch zwiſchen göttlichem und menſchlichem Gebiet ein Zwieſpalt, den er nicht auszugleichen vermochte; die ſittliche Ordnung erſchien ihm als eine unverſöhnliche Macht gegen den Frevler an ihr, wie dies die Kette von Gräuelthaten im Geſchlechte der Atriden zeigt, wo ein Mord ſtets Sühne durch des Mörders Blut verlangte. Während er jedoch auf der Grenzſcheide zweier Weltalter in ſeinen Dramen die ſtürmiſch bewegte Zeit nebſt dem Zwieſpalt zwiſchen dem Leben und den es bewegenden Mächten abſpiegelt, erhebt ſich Sophokles auf dem von ſeinem Vorgänger bereits errungenen Stand⸗ punkt eine Stufe höher zu der heiteren Ruhe und vertrauensvollen Hingebung an das göttliche Walten. Dieſer ſchöne Zug, Ergebung in die göttliche Fügung, iſt ein bezeichnender Fortſchritt in der ſophokleiſchen Anſchauung und wird der Elektra vom Chor V. 174 ff. eindringlich ans Herz gelegt, wie überhaupt in dieſer Tragödie vorzugsweiſe die göttliche Gerechtigkeit gefeiert und die Wiederherſtellung des verletzten Rechtes ihrem Walten anheimzuſtellen empfohlen wird, im Gegen⸗ ſatze zu der eigenmächtigen Selbſthülfe Klytämneſtras und Aegiſths. Durch die erhabenen Ideen der Humanität, welche ihn beſeelten, und denen auch das Gemüth ſeiner Landsleute bereits zugäng⸗ lich gemacht war, ſuchte er die Gegenſätze zu mildern, die das Göttliche und Irdiſche noch aus einander hielten. Die ſchöne Ausgleichung der wechſelſeitigen Verhältniſſe nach der ſtürmiſchen Aufregung zur Zeit der Perſerkriege findet ihren Widerſchein in ſeinen Tragödien. Wie im öffent⸗ lichen Leben herrſcht in ſeinen Dichtungen der Geiſt ſittlicher Harmonie und bei ihm wird es Auf⸗ gabe der Kunſt, den Menſchen nebſt ſeinen Entſchlüſſen im Zuſammenhang mit den ſittlichen Mäch⸗ ten zu zeigen. Auf dieſe Auffaſſung müſſen wir bei Sophokles näher achten, da die ſittlichen Mächte die Handlung der Perſonen beſtimmen und in dieſen perſonificirt einander feindlich gegenüber treten. Durch die bereits angebahnte Verſenkung des Gedankens in das Innere des Menſchen wurde nach der Mitte jenes Jahrhunderts im Zuſammenhang mit dem allgemeinen geiſtigen Aufſchwung nach allen Richtungen hin ein Schritt weiter gethan durch die Dichter ſowohl wie die Denker“*). Der Geſichtskreis der Welt⸗ und Geſchichtskenntniß hatte ſich erweitert und vor der hereinbrechenden Auf⸗ klärung konnte der alte Götterglaube nicht Stand halten: die alten Mythen enthielten vieles, was den geläuterten, ſittlichen Begriffen und der erweiterten Einſicht nicht entſprach. Bisher war das Gebiet des Geiſtes und des praktiſchen Lebens von der philoſophiſchen Betrachtung ausgeſchloſſen geweſen. Beide wurden Gegenſtand der philoſophiſchen Forſchung und der Menſch zum Maaß aller Dinge. Hierdurch mußte auch die Idee des Göttlichen ſich nach ſeiner Phantaſie geſtalten und verändern. Zeigte doch ſchon die hohe Vollendung in den Götterbildern, daß der Menſch Götterideale aus ſich zu erzeugen und ihnen eine freie Geſtaltung zu geben vermöge.
*) Val. E. Zeller die Philoſ. der Griechen. 1. Th. S. 725— 727.


