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1 (1875)
Entstehung
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Nachdenken wurde mächtig aufgeregt und das ſittliche Bewußtſein in dem Gedanken einer göttlichen Weltregierung und einer Ausgleichung, einer zum Gleichgewicht und Harmonie ſtrebenden Kraft in den Verhältniſſen geſtärkt und gehoben. Um ein ſolches Bewußtſein, welches jeder dunkel in ſich fühlte, zur Klarheit zu bringen, dazu war wohl kein Organ wirkſamer als die Tragödie. Daneben rief die Betrachtung ſo gewaltiger Thatſachen eine Vergleichung zwiſchen den Erfolgen auf griechiſcher und perſiſcher Seite hervor, wobei nothwendig ſich die Vorſtellung aufdrängen mußte, daß der Wille und die Thatkraft im Verein mit geiſtiger Ueberlegenheit über rohe Maſſen ſo glänzende Siege errungen habe. Der denkende Geiſt fängt an zu erkennen, daß der Menſch nicht mehr, wie im homeriſchen Epos, wo er noch nicht der Vormundſchaft der Götter entwachſen ſtets am Gängelbande derſelben geleitet wird, einer äußeren blinden Nothwendigkeit unterworfen iſt, und dieſe Vorſtellung wird auch in den Tragödien des Aeſchylus und Sophokles die vorherrſchende. Doch iſt nicht zu verkennen, daß die Geſchicke und Fügungen im Leben der dramatiſchen Perſonen zuweilen etwas von einem unvermeidlichen Geſchick erſcheinen laſſen, was nicht durch die Verkettung der Umſtände her⸗ beigeführt iſt noch als nothwendige Folge der Handlung erſcheint. Ueberhaupt ſind die Reſultate der moraliſchen Welt oft in Dunkel gehüllt und verſtatten dem ſterblichen Auge keinen Einblick in die Cauſalverbindung der Verhältniſſe. In der Elektra iſt jedoch von einem blinden Geſchick, worauf wir weiter unten zurückkommen werden, keine Rede, da erſcheint alles als natürliches Ergebniß der Hand⸗ lung. Dieſe Fragen ſind wiederum von Bedeutung bei der Vetrachtung der tragiſchen Handlung vom ethiſchen Standpunkte aus.

Die Tragiker waren es vornehmlich neben den Denkern von Fach, welche die verſchiedenen Fragen über das Leben mit ſeinen Mächten und Gegenſätzen, über das Schickſal, über das Ver⸗ hältniß des Menſchen zur Gottheit, über die ſittliche Ordnung dem freien Willen gegenüber zu löſen ſuchten und in künſtleriſcher Darſtellung einer lebensvollen Handlung den Zeitgenoſſen zur An⸗ ſchauung brachten. Bernhardy Grundriß der griech. Litt. 3. Bearb. 2. Th. 2. Abth. S. 185 be⸗ merkt hierüber richtig:Dieſe tiefſinnigen Gedanken ſollten das ſittliche Leben mit der religiöſen Ein⸗ ſicht im Einklang ſetzen und durften die Widerſprüche nicht blos hervorziehen, ſondern auch durch Anſchauungen der reifen Gegenwart berichtigen. Nicht mit Unrecht gilt alſo die Tragödie für den frühſten und reifſten Vorläufer der Ethik unter den Attikern, ehe Sokrates dieſen Theil ins Gebiet der Wiſſenſchaft herüberzog.

So wurden die neuen durch den neuen Zeitgeiſt gewonnenen Ideen, welche ſich auf dem Ge⸗ biete der ſittlichen Ordnung bewegen, durch die tragiſche Bühne den Zeitgenoſſen an das Herz ge⸗ legt, in ihnen klarere Vorſtellungen davon erweckt und ſo der Gegenſtand zu allgemeinem Eigen⸗ thum gemacht.

Mit dem Vertrauen auf den Willen und die eigene Thatkraft tritt auch die Vorſtellung von der Freiheit der menſchlichen Handlungen und des daraus entſpringendes Geſchicks der Menſchen in den Vordergrund. Mit dem Fortſchritt der Cultur und der genaueren Erforſchung der geiſtigen Ver⸗ hältniſſe des Lebens trat die Vorſtellung von der Weltordnung in ein neues Stadium ein und in Gegenſatz zu den alten Naturweſen. Nachdem im Laufe der Zeit der unmittelbare Zuſammenhang dieſer mit der Menſchenwelt ſchon mehr und mehr gelockert war, trat jetzt eine größere Trennung zwiſchen der Gottheit und den Menſchen ein, zwiſchen Geiſt und Natur. Dieſer Vorſtellung gegen⸗