— 4—
ſo nehmen wir in dieſen noch einen mehr epiſchen Charakter wahr; die Handlung, wenn auch in der Bruſt des Helden zur Reife gediehen, ſteht den Motiven noch mehr objectiv gegenüber, während dagegen Sophokles das ethiſche Princip entſchieden in den Vordergrund ſtellt und an der tragiſchen Handlung zum Ausdruck bringt. Dieſe ethiſchen Motive, welche an der tragiſchen Handlung zur Erſcheinung kommen, ſind auch bei der äſthetiſchen Beurtheilung einer Tragödie wohl zu berückſich⸗ figen und der Auffaſſung des Dichters entſprechend zu deuten.„Diejenigen“, ſagt Jacobs in der erwähnten Schrift S. 309„welche in der alten Tragödie nur die architektoniſche Kunſt bewundern und ihre Wirkſamkeit theils von der materiellen Beſchaffenheit ihres Inhalts, theils von der Art der Be⸗ handlung deſſelben ableiten, ohne auf ihre religiöſe Grundlage und ihre Beziehung auf die göttliche Welt⸗ regierung zu achten, gleichen dem gelehrten Reiſenden, welcher die Säulen der Tempel zählt und ihre Ver⸗ hältniſſe mißt, aber nicht an die Gottheit denkt, der er erbaut iſt, und von deren Daſein und Gegenwart er ſeine Weihe empfängt. Nimmt man dieſe höhere Beziehung hiuweg, welche die alte Tragödie in allen ihren Theilen durchdringt, ſo bleibt wenig Anderes übrig, als das Schreekliche, oft Grauſenvolle der Begebenheit, das, wie ſehr es auch immer das Intereſſe der Neugier erregen oder durch Außerordentlichkeit das Gemüth erſchüttern mag, weder bildend noch ſittlich iſt.*)„Dieſe Worte paſſen vollſtändig auf die Elektra und viele ihrer Beurtheiler, welche in dem Stücke auch nur das Schreckliche und Grauſenvolle der Begebenheit ſehen, ohne die religiöſe Grundlage und ihre Beziehung auf die göttliche Weltregierung zu beachten.
Iſt nun hiernach ein näheres Verſtändniß der ethiſchen Anſchauungen bei Beurtheilung dieſer Tragödie nicht hintanzuſetzen, da auf ihnen ja auch die Anſchauung des Dichters und die Motive der tragiſchen Handlung der Perſonen beruhen, welche für ein ethiſches Princip in die Schranken treten, ſo darf dies ſchon deshalb nicht geſchehen, weil gerade in dieſer Beziehung die antike und moderne Weltanſchauung aus einander gehen. Dieſe letztere und die damit in Wechſelbeziehung ſtehenden ſubjective Gefühle dürfen wir nicht, wie es ſo vielfach geſchehen iſt und theilweiſe noch geſchieht, bei Beurtheilung von Charakteren und Handlungen des griechiſchen Dramas als Maßſtab anlegen; hierbei muß diejenige allein als Richtſchnur gelten, welche den griechiſchen Dichter bei ſeiner Schöpfung beſeelt hat und die ſeinen dramatiſchen Perſonen die Triebfeder ihrer Handlungen ge⸗ worden iſt. Die moderu⸗chriſtliche Weltanſchauung iſt durchdrungen von der göttlichen Liebe und Gnade, ſowie der geſammten darauf ruhenden vorgeſchrittenen Humanität. Die griechiſche Anſchau⸗ ung, wenn auch zur Zeit der großen tragiſchen Dichter ſchon bedeutend modificirt und gemildert, iſt ein Ausfluß des alten ſtarren Naturgeſetzes, von welchem ſie ſich nie ganz loszutrennen vermocht hat. Dieſe Erſcheinung iſt auf die älteſte Offenbarung des religiöſen Volksgeiſtes zurückzuführen, welcher in vorgeſchichtlicher Zeit von der Naturanſchauung ausgegangen iſt. In den verſchiedenen Naturmächten erkannten die Griechen jener grauen Vorzeit ihre Gottheiten und wie ſie ſelbſt in innigem Verkehr mit der Natur lebten, ſtanden auch ihre Lebensbeziehungen mit derſelben in inniger Verbindung und unter ihrem Einfluß. So erſchien das ordnende Weltprincip in Zeus perſonificirt ſowohl in phyſiſcher als ethiſcher Beziehung, unter deſſen Leitung und Aufſicht auch die ſittlichen Lebensordnungen ſtanden. Dieſe gelten daher geradezu als ein Naturgeſetz und wurden mit der Strenge eines ſolchen vom Ordner überwacht. Daß die Sterblichen ſich vor deren Verletzung hü⸗
*) Vgl. Bernhardy Gr. Litteraturgeſchichte 3. Bearb. 2. Th. 2. Abth. S. 125.


