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1 (1875)
Entstehung
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ſeinen Inhalt zu ihrer frommen Verehrung hin. In dem Kelche Melpomenens miſchte es, was die Gefühle wecken und beruhigen, aufregen und mäßigen konnte; und indem es die Menſchen in ihrer höchſten Würde und in ihrer größten Abhängigkeit zeigte, trat es der Selbſtſucht entgegen und reinigte das Gemüth durch eine heilſame Erſchütterung ſeiner innerſten Tiefen. In dieſem bewun⸗ derungswürdigen Spiele wurden die Gemüther durch die kraftvolle Darſtellung großer CEreigniſſe mit der Furcht der Götter und tiefer Achtung vor den Geſetzen erfüllt; und die Noth der Mächtigen, welche die Tragödie am liebſten darſtellte war als eine Aufforderung gemeint, durch Erkennung der Schranken menſchlicher Willkür, der unendlichen Macht ſittlicher Freiheit und dem ewigen Geſetze der Gerechtügkeit zu huldigen, deſſen Vollſtrecker die Götter ſind. Die tragiſche Bühne der Griechen war alſo nicht, wie die moderne ſo häufig, nur dem ange⸗ nehmen Zeitvertreibe gewidmet, ſondern diente dem Zwecke und der Würde ihres Urſprungs gemäß der Gottesverehrung. Indem die Gottheit hier dadurch gefeiert wurde, daß ſie als Wächter der Weltordnung erſcheint und die Störung derſelben ausgleicht, ergeht aus dem lebensvollen Bilde, das ſich vor den Blicken des Zuſchauers entrollt an dieſen die ernſte Mahnung, ſich vor jeder Ueber⸗ ſchreitung der ihm gewieſenen Schranken zu hüten. Dieſer Beſtimmung der griechiſchen Bühne ge⸗ denkt auch der Dichter E. Geibel in einem Vorworte(vor ſeiner Tragödie Roderich), indem er ſie der modernen, über deren profanere Beſtimmung er klagt, gegenüberſtellt und ihr zum Vorbild in folgenden Verſen anempfiehlt: Es ſei die Bühne, was dereinſt ſie war, Ein Heiligthum; es ſei das Trauerſpiel Ein dunkler Spiegel, drin zum Bild gefaßt Das ewige Geſetz des Weltenganges Geſtaltenvoll dem Volk ſich offenbart.

Wie nun das Leben ſelbſt durch ſeine wechſelvollen Ereigniſſe, durch die verhängnißvollen Conflicte zwiſchen ethiſchen Principien, in die es ſo Manchen verſetzt, eine eindringlichere Lehre dar⸗ bietet, als eine blos mündliche oder ſchriftliche Ermahnung, ſo wirkt auch die Tragödie dadurch, daß der Conflict zwiſchen handelnden Perſonen vor den Augen der Zuſchauer durchgekämpft wird und ſomit ein Stück Leben zur Darſtellung kommt, mächtiger auf das Gemüth als jede andere Dichtungsart, wie z. B. das Epos, worin eine bereits gewordene Begebenheit berichtet wird. Dem Leben entſprechend zeigt ſich auch in der Tragödie an dem einzelnen zufälligen Ereigniß, welches ein beſonderes Individuum betroffen hat, das Allgemeine, wie es zu allen Zeiten unter gleichen Ver⸗ hältniſſen wiederzukehren pflegt. Dies Allgemeine iſt in der Tragödie die ſittliche Weltordnung und dieſe der Widerſchein des Göttlichen, welches als die Seele des Kunſtwerks dieſem einen beſonderen Charakter aufgeprägt und als das Ewige im Endlichen ſich eine ſichtbare Geſtalt geſchaffen hat. Hierdurch erhebt ſich die Tragödie von der beſonderen zu allgemein menſchlicher Bedeutung und die tragiſchen Charaktere werden zu typiſchen Figuren aller gebildeten Völker und Zeiten. Da nun dies ethiſche oder ſittlich⸗religiöſe Element, die ſittliche Ordnung, in welchem die tragiſchen Cha⸗ raktere ſich bewegen und offenbaren, beſonders bei Sophokles den Kern der Handlung bildet, ſo ſtehen bei ihm beide auch, die ethiſche Idee und die künſtleriſche Vollendung, in inniger wechſel⸗ ſeitiger Verbindung Betrachten wir aus dieſem Geſichtspunkte die Tragödien des Aeſchylus näher,

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