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Hier iſt nun zunächſt darauf hinzuweiſen, daß die religiöſen Vorſtellungen der Griechen nebſt
ihrer Gottesverehrung das Ergebniß der Naturbetrachtung waren und ebenſo die ethiſchen Anſchau⸗
ungen, welche ſich mit denſelben entwickelt hatten, auf derſelben Grundlage ruhten. Daſſelbe gilt daher auch von der Tragödie, welche wegen ihres religiöſen Urſprungs aus dem Cultus des Gottes
Dionyſos oder Bacchus an den Feſten deſſelben einen weſentlichen Theil der Feſtfeier bildete und
von dieſer ihrer Geburtsſtätte ſich nie wieder getrennt hat. Ihres Urſprungs eingedenk brachte die Tragödie, je mehr ſie ſich ihrer Vollendung näherte, ſittlich⸗religiöſe Ideen zur Anſchauung, um bei den Menſchen an die Heiligkeit der ſittlichen Ordnung zu mahnen. Durch dieſes innige Band, welches die griechiſche Tragödie mit der Gottesverehrung in innige Beziehung ſetzte, blieb die tragiſche Bühne der Griechen ſtets der Ort, welcher ſeiner erhabenen Stellung entſprechend weder niedrigen materiellen Intereſſen diente, noch auch— wenigſtens nicht vor der Zeit des Ver⸗ falls der Kunſt— einer herrſchenden Zeitrichtung fröhnte. Hier in weihevollen Stunden der Feier, welche mit Opfer und Gebet begonnen wurde, trat vielmehr der Menſch in ſeinen höchſten über das Alltägliche erhabenen Intereſſen der Gottheit näher und ſchaute deren geheimnißvolles Walten in den menſchlichen Angelegenheiten. In beſtimmten, ſich gleichmäßig im Leben wiederholenden und ſtets von denſelben unausbleiblichen Folgen begleiteten Handlungen, an welchen der Uneingeweihete gleichgültig und ahnungslos vorüberzugehen pflegt, ahnte der tiefer ſchauende und in die göttlichen Geheimniſſe eindringende Dichtergeiſt eine feſt gegründete göttliche Ordnung und unabänderliche Wahrheit. Sagen von derartigen Ereigniſſen, in welchen ſich eine durch die Erfahrung ſchon mehr⸗ fach beſtätigte Wahrheit und eindringliche Mahnung zur Beobachtung und Wahrung der göttlichen Ordnung ausſprach, waren von der mythiſchen Vorzeit her durch Ueberlieferung fortgepflanzt im An⸗ denken des Volkes lebendig. Dieſe, an ſich ſchon Gebilde der dichtenden Phantaſie und durch den Genius des tragiſchen Dichters zur höhern poetiſchen Kunſtform verklärt, gelangten auf der Bühne zur Dar⸗ ſtellung und zeigten in concreter Geſtaltung dem Sterblichen eine ideale Welt, welche dem wechſel⸗ vollen, alltäglichen Treiben des Lebens enthoben, die unſichtbaren Mächte in wandelloſer Hoheit offenbarte. So war der tragiſche Dichter das Organ für die ſittlichen Ideen, welche das Lebeu in ſeinen verſchiedenen Beziehungen bewegen.
Auf dieſe Weiſe waren, wie das Anſchauen der Kunſtwerke überhaupt, welche den Griechen überall umgaben, und in denen ihnen die Gottheit gegenwärtig entgegentrat, vornehmlich die Vor⸗ ſtellungen der tragiſchen Dichtungen von großer Bedeutung in der Erziehung zur Sittlichkeit, da
der Grieche ſeine Aufgabe darin ſah, das Leben mehr in ſeiner lebendigen Wirklichkeit unmittelbar
auf ſich einwirken zu laſſen, als in Reflexionen darüber ſich zu ergehen und danach Grundſätze für das Leben aufzuſtellen.„In den ſchönſten Augenblicken des Lebens, ſagt Fr. Jacobss), trat die tragiſche Poeſie in feſtlichem Schmucke, begeiſtert und begeiſternd zu ihm hin. Wie ſie, in den Sitzen der Götter gezeugt, zu dem Leben des Menſchen herabgeſtiegen war, um ſie auf die edelſte Weiſe zu erfreuen, ſo erſchien ſie auch unter ihnen am liebſten bei den Feſten und Spielen der Götter und lenkte die Blicke der Sterblichen zu einer höheren Welt hinauf. Wie dies Spiel in Rückſicht auf die Kunſt eine unübertreffliche Vollendung zeigte, ſo war es in Rückſicht auf die Sitten eine Schule der Weisheit; und wie es der feſtlichen Verherrlichung der Götter beſtimmt war, ſo leitete es durch
*) Ueber die Erziehung der Hellenen zur Sittlichkeit. Vermiſchte Schr. 3. Th. S. 38 und 306— 310.


