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2 (1880)
Entstehung
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9 II. Chronik des Gymnaſiums.

Donnerstag, den 24. April ward nach vorausgegangener Prüfung der Neuangemeldeten Nach⸗ mittags um 3 Uhr das neue Schuljahr mit einer gemeinſamen Andacht eröffnet. Im Anſchluß an dieſe verlas und erläuterte der Direktor die Hauptbeſtimmungen der Schulordnung und verpflichtete ſodann 28 neueintretende Schüler durch Handſchlag. Die Lektionen des Morgenunterrichts wurden auch in dieſem Sommer nach der nun ſchon durch mehrere Jahre bewährten Einrichtung in der Zeit von 711, bezw. 7 12 Uhr gehalten.

Da der Gymnaſiallehrer Dr. Häſecke vom Beginn des Sommerſemeſters an bis zum 3. Mai zu einer Landwehrübung nach Hannover eingezogen war, ſo konnte der Unterricht in ſeinen Lektionen nicht ganz in der planmäßigen Weiſe beginnen. Doch gelang es durch das eifrige Zu⸗ ſammenwirken aller Kollegen eine irgendwie bedeutendere Störung zu vermeiden.

Vom 28. 30. Mai wohnte der Direktor, gleich faſt allen Direktoren der höheren Lehran⸗ ſtalten der Provinz Heſſen⸗Naſſau, mit Genehmigung des K. Prov. Schulkollegiums als Ehrengaſt der Univerſität der unter den größten Feierlichkeiten und in Anweſenheit Sr. Excellenz des Herrn Kultusminiſters Dr. Falk ſtattfindenden Einweihung des neuen prachtvollen Univerſitätsgebäudes zu Marburg an. Unſer Lehrerkollegium ſprach im Verein mit ſämtlichen Gymnaſien der Provinz in einer kunſtvoll ausgeführten lateiniſchen Votivtafel der Alma mater Philippina ſeine herzlichen Glückwünſche zu dem auch für die höheren Lehranſtalten der Provinz hochbedeutſamen Feſte aus. Es war ein ergreifender Augenblick, als am 28. Mai Abends bei der Begrüßung der Gäſte im großen Saale des Marburger Schloſſes der Senior der Heſſen⸗Naſſauiſchen Gymnaſialdirektoren Dr. Mün⸗ ſcher aus Marburg, von ſämtlichen anweſenden Anſtaltsdirektoren umgeben, vortrat und mit ker⸗ nigen, trefflichen Worten dem Rektor der Univerſität, Prof. Dr. Mannkopff, die Pergamenttafel, gleichſam das Symbol und Unterpfand der Zuſammengehörigkeit von Univerſität und Gymnaſien, überreichte.

Am 11. Juni beging unſer Gymnaſium mit den Geſinnungen treuer Liebe und Anhänglichkeit die Feier der goldenen Hochzeit unſeres allgeliebten Herrſcherpaares. Der Unterricht war an dem hohen Feſttage ausgeſetzt. Dagegen verſammelten ſich um 9 Uhr Lehrer und Schüler in dem feſtlich ge⸗ ſchmückten Schulgebäude zu gemeinſamer Andacht, bei welcher der Religionslehrer der Anſtalt Dr. Zange in warmen Worten ein Lebensbild des hohen Jubelpaares zeichnete und die Bedeutung des ſeltenen Feſttages für unſer ganzes Volk, wie insbeſondere für die deutſche Jugend ſchilderte. Nach beendigtem Geſang und Gebet ſtellten ſich die Schüler vor dem Gymnaſium auf, um unter Leitung des Direktors und der Lehrer in feierlichem Zuge in die Lutheriſche Stadtpfarrkirche zu gehen, wo der lutheriſche und der reformierte Pfarrer, den Bitten des Direktors freundlich entſprechend, einen gemein⸗ ſamen, außerordentlich zahlreich beſuchten Gottesdienſt für die evangeliſchen Bewohner der Stadt hielten, bei welchem der Gymnaſialchor entſprechende Zwiſchengeſänge ausführte. Den beiden H.H. Geiſtlichen ſei auch an dieſem Orte für ihr freundliches Entgegenkommen der gebührende Dank aus⸗ geſprochen. Am Abend des Feſttages ſtrahlte unſer Gymnaſialgebäude gleich allen öffentlichen und